Kennst du das Gefühl? Schon nach den ersten Bissen spürst du, dass es reicht… und doch kommt das kleine „na gut, noch ein bisschen“, ein Stück Kuchen, ein Happen davon, weil „jetzt ist die Gelegenheit“, „das sollte man nicht auslassen“, „heute passt das schon“. Am Ende sitzen wir dann am Tisch, etwas überfüllt, und fragen uns: Warum habe ich das eigentlich gemacht?
Festliches Überessen zeigt sich bei fast allen in irgendeiner Form und hat viel weniger mit Willenskraft zu tun, als man denkt. Es ist eher eine komplexe Situation, in der Stimmung, Gewohnheiten, Gefühle und Umgebung zusammenwirken und leicht die Signale unseres Körpers überstimmen.
Feiern heißt Fülle erleben
Das ganze Jahr über leben wir in festen Strukturen. Wir essen nach Zeitplan, oft in Eile, häufig zwischen zwei Aufgaben. Feiertage bringen einen ganz anderen Rhythmus. Plötzlich wird alles langsamer, ein gedeckter Tisch erwartet uns, und wir müssen nirgendwo hetzen.
Allein dieser Wechsel reicht schon aus, um unser Verhältnis zum Essen zu verändern.
Der Anblick der Fülle – viele Gerichte, Desserts, ständiges Nachreichen – vermittelt uns das Gefühl, jetzt wirklich frei zu sein. Frei, mehr zu essen, frei, sich noch einmal zu nehmen, frei, alles zu probieren. Und hier passiert die feine Verschiebung: Das „Ich gönne mir das“ wird schnell zu „Ich übertreibe“. Nicht, weil wir nicht aufhören könnten, sondern weil uns die ganze Umgebung dazu verleitet, noch ein bisschen mehr zu nehmen.
Ein festlich gedeckter Tisch ist nicht nur Essen, sondern auch ein visueller Reiz, der uns ständig daran erinnert: „Es gibt noch mehr.“

Nicht der Hunger steuert uns
Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass wir an Feiertagen selten aus echtem Hunger essen. Vielmehr bestimmt die Situation unser Verhalten.
Wir essen, weil wir zusammen essen, weil uns etwas angeboten wird, weil wir beim Gespräch automatisch noch einen Bissen nehmen. Essen wird dabei fast zur Nebenbeschäftigung, die trotzdem ständig stattfindet.
Außerdem gibt es einen starken sozialen Aspekt: Wenn alle noch eine Portion nehmen, wollen wir nicht außen vor bleiben. Wenn uns jemand etwas anbietet, fällt es schwer, abzulehnen, weil wir nicht unhöflich wirken wollen. So entscheidet oft nicht unser Körper, sondern die Situation. Und ehe wir uns versehen, haben wir den Punkt überschritten, an dem es noch gut getan hat.

Gefühle und Erinnerungen essen mit
Festessen sind nicht „nur“ Essen. Geschichten, Erinnerungen und Gefühle sind damit verbunden. Ein Kuchen, den wir seit Kindertagen kennen, ein Gericht, das immer dieselbe Person in der Familie zubereitet, oder ein Duft, der uns sofort an ein altes Fest zurückversetzt. Diese Erlebnisse sind sehr kraftvoll und beeinflussen oft unbemerkt, wie viel wir essen.
Dann suchen wir nicht nur den Geschmack, sondern auch das Gefühl, das er vermittelt: Sicherheit, Geborgenheit, Nostalgie. Und weil man von diesen Gefühlen nicht „satt“ wird, glauben wir leicht, dass noch ein Bissen nötig ist.
In Wirklichkeit fehlt uns aber nicht das Essen, sondern das Erlebnis, das wir immer wieder erleben möchten.
Dazu kommt der Gedanke: „Schade, es liegen lassen.“ Schade, es nicht zu probieren, schade, nichts davon zu essen, weil es ja nur selten gibt. Dieser Gedanke führt fast automatisch zum nächsten Bissen, selbst wenn wir längst nicht mehr hungrig sind.

Wenn wir nicht mehr auf uns achten
Unser Körper funktioniert eigentlich sehr gut. Er signalisiert, wenn wir hungrig sind, und auch, wenn es genug ist. An Feiertagen passiert aber so viel gleichzeitig, dass diese Signale leicht in den Hintergrund treten. Wir unterhalten uns, lachen, achten auf andere und essen dabei fast unbemerkt weiter.
Hier entstehen keine bewussten Entscheidungen mehr. Wir essen nicht, weil wir wollen, sondern weil wir in der Situation sind. Und das ist völlig okay, solange wir es erkennen. Denn es geht nicht darum, uns perfekt zu kontrollieren, sondern etwas achtsamer zu sein.
Manchmal reicht es schon, kurz innezuhalten und sich eine einfache Frage zu stellen: Schmeckt es mir noch? Wir müssen nichts aufgeben oder „Regeln“ aufstellen. Es reicht, wahrzunehmen, wo wir gerade stehen. Denn das Fest wird nicht besser, weil wir viel gegessen haben, sondern weil wir es wirklich erlebt haben.
Und vielleicht ist das der Kern: Es zählt nicht die Menge des Essens, sondern die Qualität des Erlebnisses. Wenn wir das ein bisschen im Blick behalten, finden wir leichter die Balance, in der wir das Fest genießen, ohne danach das Gefühl zu haben, zu weit gegangen zu sein.











