Bien Logo

Vom Butterbrot zur Stunde Lieferwartezeit: Wie das Abendessen zum täglichen Stress wurde

Szabó Erzsébet4 Min. Lesezeit
Teilen:
Vom Butterbrot zur Stunde Lieferwartezeit: Wie das Abendessen zum täglichen Stress wurde — Familie
In diesem Artikel

Erinnerst du dich noch an diese Abende in den Neunzigern, als die Frage „Was essen wir heute Abend?" nicht mit einem Blick aufs Smartphone beantwortet wurde, sondern mit dem vertrauten Quietschen der Speisekammertür?

Damals war es völlig selbstverständlich, den Tag mit etwas wohltuend Einfachem zu beschließen. Heute hingegen beschleicht uns das Gefühl, irgendetwas falsch zu machen, wenn abends um acht nicht wenigstens ein dampfendes, halbwegs exotisches Gericht vor uns steht. Wann genau haben wir die beruhigende Schlichtheit gegen diesen kulinarischen Perfektionsdruck eingetauscht?

Als Abendessen noch kein Erlebnis sein musste

In unserer Kindheit war das Abendessen keine sorgfältig inszenierte Gaumenfreude – es war schlicht der letzte Tankstop des Tages. Niemand kam auf die Idee, dass die Küche jeden Abend ein Restaurant sein müsste. Ein dick bestrichenes Butterbrot, eine Scheibe Fleischwurst, ein knackiger grüner Paprika – das war genug. Mehr als genug, eigentlich.

Wenn unsere Eltern sich besonders viel Mühe geben wollten, kam der Sandwichtoaster aus dem Schrank oder ein Topf süßer Grießbrei auf den Herd, in dessen Mitte Kakaopulver langsam und herrlich versank. Auf diese Gerichte musste man keine Stunde warten. Sie standen in wenigen Minuten auf dem Tisch – und das Beste daran: Sie kamen ohne jeglichen Erwartungsdruck. Man war einfach satt, und das reichte vollkommen, um zufrieden ins Bett zu gehen.

Irgendwann aber, still und unbemerkt, haben wir uns eingeredet – und unsere Kinder sind genauso aufgewachsen –, dass am Ende eines langen Tages eine besondere kulinarische Verwöhnung selbstverständlich dazugehört. Ich sehe das bei meiner Tochter ganz deutlich: Für sie ist ein Abendessen nur dann wirklich gelungen, wenn es einem Büfett gleichkommt – mit Auswahl, ohne Wartezeit und am besten ohne Kompromisse.

Und ich stehe als Mutter genau zwischen diesen Welten. Ich möchte meiner Familie etwas „Richtiges" und „Warmes" geben, weil tief in mir noch immer dieser alte Code steckt: Fürsorge bedeutet ein gekochtes Essen. Gleichzeitig bin ich am Ende des Tages genauso erschöpft wie alle anderen – und manchmal wäre ich froh, weder ein teures Gericht zu bestellen noch stundenlang in der Küche zu stehen.

Entscheidungsmüdigkeit zwischen Sushi und Kühlschrankresten

Die Außenwelt – und vor allem die sozialen Medien – hämmern uns unerbittlich ein, dass ein simples Brot „nicht gut genug" ist.

Auf dem Tisch einer bewussten, modernen Frau sollte auch dienstags Sushi stehen, pochierte Eier auf Avocado oder Falafel mit Hummus und frischem Salat.

Wenn wir durch unsere Feeds scrollen und sehen, wie andere anscheinend jeden Wochentag ein Gourmet-Dinner zelebrieren, fühlt es sich unweigerlich wie ein persönliches Scheitern an, wenn wir nur die Reste aus dem Kühlschrank zusammenwürfeln können – oder wollen.

An genau so einem gequälten Abend wurde mir etwas klar: Mir fehlt das Vorbild für diese Situation. Meine Eltern und Großeltern haben die Abendessen-Frage viel pragmatischer gelöst. Sie suchten keinen tieferen Sinn in einem Leberwurstbrot und machten schon gar kein Drama daraus, wenn abends immer dasselbe auf dem Teller lag.

Wir dagegen greifen im dauerhaften Entscheidungsstress fast reflexartig zum Handy – in der festen Überzeugung, dass das Drücken des „Jetzt bestellen"-Buttons irgendwie Erlösung bringt. In Wahrheit warten wir oft nur deshalb auf den Lieferfahrer, weil wir vergessen haben, dass es auch erlaubt ist, es einfach zu halten.

Den Weg zurück zur echten Ruhe am Küchentisch finden

Die überzogenen Erwartungen, die wir an uns selbst und an unseren Teller stellen, machen uns am Ende nur hungriger, angespannter und unzufriedener – dabei sehnen wir uns nach nur einer einzigen Sache: echter Ruhe.

Das bedeutet nicht, den Komfort der modernen Welt zu verbannen. Ein Lieferdienst kann an wirklich harten Tagen ein echter Rettungsanker sein. Aber vielleicht ist es an der Zeit, uns von dieser unsichtbaren Last zu befreien, dass das Abendessen um jeden Preis eine „Produktion" sein muss.

Für mich ist die Küche kein Ort der Pflicht, sondern der Kreativität. Ich improvisiere gerne, ohne Rezept, nur nach Gefühl. Aber ich erlaube mir inzwischen immer öfter und immer mutiger, auf die Frage „Was gibt's heute Abend?" zu antworten: „Was der Kühlschrank hergibt."

Und vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser großen Abendessen-Wandlung: Der wahre Verlust liegt nicht im Fehlen exotischer Zutaten. Er liegt in der Zeit, die wir nach einem langen Tag auf den Lieferfahrer wartend oder ratlos vor dem Herd stehend verschwenden – obwohl unsere innere Ruhe und die Gelassenheit unserer Familie niemals von einem durchgeplanten Menü abhängen sollten.

Passende Artikel

Diesen einen wilden Sommer wird die Generation von heute nie erleben — Familie

Diesen einen wilden Sommer wird die Generation von heute nie erleben

Wir kannten Sommerferien ohne Handy, GPS und Likes. Warum die Kinder von heute genau diese Freiheit verpassen – und was ihnen dadurch wirklich fehlt.

Szabó Erzsébet
„Slow Summer“: der Luxus, den wir uns als Mütter garantiert nicht leisten können — Familie

„Slow Summer“: der Luxus, den wir uns als Mütter garantiert nicht leisten können

„Slow Summer“ klingt traumhaft – doch für Mütter mit kleinen Kindern ist die Realität weit entfernt von den idyllischen Bildern auf Instagram.

Szabó Erzsébet
Salat oder Pizza? Wie ich im Sommer endlich die Balance auf meinem Teller gefunden habe — Gesundheit

Salat oder Pizza? Wie ich im Sommer endlich die Balance auf meinem Teller gefunden habe

Leichte Salate oder doch die Pizza am Strand? Ich habe lange zwischen diesen Extremen geschwankt – bis ich verstanden habe, worauf es wirklich ankommt.

Nyul Debóra
Wir verdienen mehr – und trotzdem reicht das Geld nicht: Woran das wirklich liegt — Familie

Wir verdienen mehr – und trotzdem reicht das Geld nicht: Woran das wirklich liegt

Der Alltag wird immer teurer, und viele spüren: Das Gehalt reicht nicht mehr für dasselbe wie früher. Warum das Geld leiser an Wert verliert, als wir denken.

Nyul Debóra
Jedes 5. verpackte Kinderprodukt enthält etwas, das das Verhalten deines Kindes verändern kann — Familie

Jedes 5. verpackte Kinderprodukt enthält etwas, das das Verhalten deines Kindes verändern kann

Dein Kind kippt plötzlich um – wird zappelig, gereizt, unkonzentriert? Oft steckt in bunten Snacks mehr als nur Zucker. Das solltest du wissen.

Szabó Erzsébet
Meine Eltern blieben zusammen – für uns. Ich wünschte, sie hätten es nicht getan. — Familie

Meine Eltern blieben zusammen – für uns. Ich wünschte, sie hätten es nicht getan.

Als Kind hörte ich oft: „Wir bleiben zusammen – wegen euch." Als Erwachsene sehe ich diese Entscheidung mit ganz anderen Augen. Ein persönlicher Rückblick.

Schuster Borka