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Wer wäre ich heute, wenn ich damals nach Ecuador gegangen wäre statt zur Familie?

Szabó Erzsébet4 Min. Lesezeit
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Wer wäre ich heute, wenn ich damals nach Ecuador gegangen wäre statt zur Familie? — Familie
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Hast du dich schon einmal gefragt, wie viele unsichtbare Weggabelungen es in deinem Leben gab – Momente, in denen ein einziges „Ja" oder „Nein" alles verändert hätte? Ich denke oft daran. Und jedes Mal lande ich bei derselben Frage: Wer wäre ich heute, wenn ich damals den anderen Weg gewählt hätte?

Freiheit als einziger Kompass

Wenn ich an den Beginn meiner Zwanziger zurückdenke, sehe ich eine Zeit, in der die Zukunft noch offen war – weit, einladend, ein bisschen überwältigend. Frisch nach dem Abitur, kurz vor dem Studium, befand ich mich in einem seltenen Schwebezustand: keine ernsthaften Verpflichtungen, keine Verantwortung für andere, kein fester Rahmen. Das „leere Blatt" war keine Metapher – es war mein Alltag.

Dieser Zustand war gleichzeitig befreiend und beängstigend. Denn zur totalen Freiheit gehörte damals so gut wie keine finanzielle Sicherheit. Und dennoch lag in dieser kargen Unabhängigkeit etwas Berauschendes.

Das Bewusstsein, jeden Zug und jedes Flugzeug nehmen zu können – wenn ich nur genug Mut aufbrächte – fühlte sich wie ein stiller Superpower an.

In dieser aufgewühlten Phase zog ich für einige Wochen nach Budapest, in der Hoffnung, dass der Lärm der Großstadt mir Antworten auf meine drängenden Fragen geben würde. Während ich Stellenanzeigen durchforstete und zu Vorstellungsgesprächen fuhr, flimmerten immer wieder Bilder ferner Welten über meinen Bildschirm – Welten, von denen ich schon lange träumte. Die Idee, als Freiwillige auf einem anderen Kontinent zu arbeiten, zog mich magisch an. Besonders Naturschutzprojekte in Ecuadors Regenwäldern oder Hilfsprojekte in abgelegenen afrikanischen Dörfern ließen mich nicht los.

Ich schickte sogar einige Bewerbungen ab. Mit jeder E-Mail spürte ich, wie ich mich ein kleines Stück weiter von der vertrauten Sicherheit entfernte – und ein Stück näher an ein Abenteuer rückte, das mein Leben von Grund auf hätte verändern können.

Dann sprach das Leben – und das Herz noch lauter

Während ich meine Reisepläne schmiedete, nahm mein Privatleben eine unerwartete Wendung. Plötzlich wurde Nähe wichtiger als Ferne. Eine sich neu entfaltende Beziehung brachte eine emotionale Geborgenheit mit sich, die ich in keinem Reiseführer gefunden hätte. Ich redete mir ein: Wenn es bestimmt ist, dann warten die ecuadorianischen Wälder auf mich. Erstmal das Studium – hier, zu Hause.

„Das ist nur ein kurzer Aufschub, eine kluge Entscheidung – in ein paar Jahren werde ich nichts verpasst haben", beruhigte ich mich. Mit Diplom und mehr Erfahrung würde ich dann aufbrechen. Mit besserem Gepäck, sozusagen.

Was danach kam, war das Leben selbst – mit all seiner unberechenbaren, wunderbaren Eigendynamik. Die sechs Jahre, die ich mit dem Versprechen „später mache ich das noch" verbrachte, vergingen wie im Flug. Die Karriere entwickelte sich fast wie von selbst, ich fand Jobs, die mir fachlich, menschlich und in Sachen Freiheit viel gaben.

Aus der Beziehung wurde eine Familie. Und ehe ich mich versah, hatten wir gemeinsam ein Zuhause geschaffen – mein Partner und ich, und unsere kleine Tochter. Das Bild von mir beim Bäumepflanzen in Ecuador verblasste langsam zwischen Windeln, Deadlines und der ewigen Frage: Was kochen wir morgen? Nicht weil ich es vergessen hatte – sondern weil an seiner Stelle ein greifbares, tiefes Glück gewachsen war, das ich mir früher nicht hätte vorstellen können.

Was uns die nicht gegangenen Wege lehren

Manchmal frage ich mich, wer die Frau wäre, die damals das Flugticket gewählt hätte statt der Immatrikulationsunterlagen. Wahrscheinlich eine ganz andere Persönlichkeit, ein ganz anderes Leben im Spiegel: vielleicht unabhängiger, vielleicht weltgewandter – aber mit Sicherheit ohne die Kraft, die heute mein Fundament bildet.

Es ist ein tröstlicher Gedanke: Auch wenn ich nicht auf der anderen Seite der Welt Bäume gepflanzt habe, habe ich hier – in meinem eigenen Garten und im Kreis meiner Familie – Wurzeln geschlagen. Denn das Leben dreht sich nicht um die Chancen, die wir nicht ergriffen haben. Es dreht sich um die Entscheidungen, die uns zu dem gemacht haben, wer wir heute sind.

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