In letzter Zeit beschäftigt mich immer öfter das Gefühl, dass die Zeit einfach an mir vorbeizieht. Je mehr ich versuche, jeden Moment zu genießen und die Tage langsamer zu leben, desto schneller scheinen die Minuten zu verfliegen.
Das ist kein neues Gefühl: Schon vor Jahren tauchte es bei mir auf und war meist mit einer gewissen Unruhe verbunden. Was heute vielleicht besonders ist: Die innere Anspannung betrifft viel mehr meine Seele als mein Äußeres.
Kürzlich erwähnte ich meinem Trainer in der Pause zwischen zwei Übungen meine Gedanken, worauf er mit einem Lächeln (und seinen frechen 27 Jahren) sagte: „Weißt du, meistens machen sich genau die Leute solche Gedanken, die eigentlich keinen Grund dazu haben.“ Ich bedankte mich für das aufmunternde Kompliment, erklärte ihm aber, dass es mir nicht um Falten geht, sondern eher um mein inneres Empfinden.
Kurz darauf lief ein Teenager an uns vorbei und grüßte mich ganz selbstverständlich mit einem „Küsschen“. Wir lachten laut über die Situation, doch ich spürte, dass das Leben mir mal wieder etwas deutlich machen wollte.
Das ist natürlich keine einmalige Erfahrung für mich. Im Herbst, wenn die neuen Neuntklässler mit der Schule beginnen, werde ich oft mit förmlichem „Sie“ und einem „Küsschen“ begrüßt. Mit meinen 36 Jahren könnte ich locker ihre Mutter sein – und doch stört mich das Ego nicht. An guten Tagen genieße ich es sogar, mit den Zeichen des Älterwerdens zu fließen.
Innerlich fühle ich mich nämlich nicht alt, sondern gereift: Ich werde immer weiser und bewusster – und das liebe ich sehr.
Warum haben wir das Gefühl, die Zeit beschleunigt sich?
Psychologen sagen, dass sich unser Zeitempfinden mit dem Alter radikal verändert. Als Kind schien ein Sommer endlos: lange Ferien, Spiele und neue Erlebnisse füllten unsere Fantasie. Das Erwachsenenleben bringt dagegen oft eine sich wiederholende Routine: morgens Arbeit, Kinder in Kita oder Schule bringen, nachmittags Einkaufen, Sport, Abendessen, am Wochenende gemeinsame Aktivitäten oder Faulenzen. Die Tage verschmelzen leicht, und rückblickend unterscheiden sie sich kaum.
Deshalb war ein neues Schuljahr als Kind ein großer Meilenstein, während wir als Erwachsene manchmal kaum glauben können, dass plötzlich schon September ist. Die Fülle und Neuheit unserer Erinnerungen bestimmen, ob wir die Zeit als langsam oder schnell empfinden. Erleben wir viel Neues, fügen sich mehr Bilder in unseren Lebensfilm; sind die Tage eintönig, rast die Zeit.

Wo ist der Sommer geblieben?
Für mich zeigen Reisen oft, wie schnell die Zeit vergeht. Von den Anfang des Jahres gebuchten, damals noch weit entfernten Trips haben wir schon einige hinter uns, und für die Ausflüge im Herbst kann ich langsam anfangen zu packen. Dabei fällt mir auf, dass auch dieser Sommer – so erfüllend er war – im Nu vergangen ist.
Ein Freund sagte einmal, wenn Erlebnisse zu dicht aufeinander folgen, können sie im Kopf verschwimmen. Und tatsächlich: Wenn wir jeden Monat unterwegs sind, verschwimmen Orte und Gefühle manchmal, egal wie sehr ich versuche, im Moment präsent zu sein.
Dennoch würde ich lieber mein Leben mit Reisen füllen, als in monotonen Alltagstrott zu versinken. Ich glaube nicht, dass man unbedingt ins Ausland muss, um Neues zu erleben. Aber ich liebe diese Momente am meisten, in denen ich in einer ganz anderen Kultur und Landschaft auch mich selbst neu entdecke.
Jemand sagt mir endlich: Wie verlangsamen wir die Zeit?
Ein Schlüssel ist definitiv, neue Erfahrungen zu suchen. Die erwähnten Reisen, gemeinsame Familienaktivitäten, ein neues Hobby oder ein Wochenendausflug können helfen, das Leben erfüllter zu fühlen.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist bewusste Präsenz. Ich versuche oft, kleine Dinge wahrzunehmen: das Zwitschern der Vögel am Morgen, den sich verändernden Sonnenwinkel am Fenster oder wie meine Tochter neben mir immer größer wird. Diese Kleinigkeiten wirken wie Schmuckstücke im Alltag.
Natürlich ist es nicht immer leicht, so zu leben. Oft ertappe ich mich dabei, wie mich der Alltag trotz vieler Erlebnisse mitreißt. Dann muss ich mich bewusst daran erinnern: Ich kann den Lauf der Zeit nicht stoppen, aber ich kann meine Momente mit Dingen füllen, die Spuren bei mir und anderen hinterlassen.
Ich werde nicht alt – zumindest sehe ich mich nicht so. Vielmehr zeigt mir das Leben immer öfter, wie viel schon hinter mir liegt und wie viele Möglichkeiten noch vor mir liegen. Manchmal schmunzle ich, wenn mich ein Teenager mit „Küsschen" grüßt oder wenn ich merke, dass ich schon wieder Weihnachtsgeschenke aussuche, obwohl ich gerade erst die Sommerdeko von der Terrasse geräumt habe. Ich weiß: Das sind Erinnerungen. Zeichen, dass ich auf meinem Weg voranschreite. Dass ich reife. Dass ich immer mehr mitnehme für die nächsten Kapitel.











