Der Fahrplan ist da, damit man sich daran verspäten kann
Erfahrene Zugfahrer lassen Verwandte nicht mehr nach dem Fahrplan zum Bahnhof fahren, sondern rufen erst an, wenn der Zug so nah ist, dass man auch zu Fuß nach Hause kommen könnte – so muss die Familie hoffentlich nicht stundenlang warten.
Wer nicht mit dem Zug fährt, weiß wahrscheinlich nicht, wie sich der Magen zusammenzieht, wenn aus dem Lautsprecher scheinbar ewig lang die Haltestellen aufgezählt werden, von denen der „ankommende Zug“ zwar nicht ganz pünktlich, aber „voraussichtlich“ mit Verspätung eintreffen wird.
Der unbedarfte Beobachter versteht wohl kaum, warum alle erleichtert lachen, wenn die Durchsage mit „5 Minuten“ endet. So viel Verspätung war noch eingeplant.
Jeder Waggon ist ein Bistrowagen
Für den Außenstehenden gibt es scheinbar keine Bistrowagen in den herkömmlichen Zügen, doch das ist ein Trugschluss. Tatsächlich ist jeder Waggon ein Bistro, in dem die Leute schon beim Ausrollen vom Bahnhof das Schnitzelbrötchen, Paprika, Tomaten und den Thermoskannenkaffee auspacken. Die Einfallsreicheren bringen sogar Salz in kleinen Fläschchen mit.
Hat man Glück und die Mitreisenden haben den Zen-Geist verinnerlicht, wird aus den Mitbringseln ein Buffet, bei dem alle fröhlich tauschen.
Ein Raum für gemeinschaftliche Bildung
Die Eisenbahn sorgt auch für Allgemeinbildung und übernimmt eine Art volksbildende Rolle. Auf längeren Fahrten, vielleicht wenn man wegen eines Oberleitungsschadens sechs Stunden mitten im Nirgendwo steht, liest man nicht nur das mitgebrachte Buch zu Ende, sondern tauscht sich mit den Mitreisenden aus – so kann man sich sogar auf die Fachprüfung eines mitreisenden Medizinstudenten vorbereiten.
Der Schaffner als Informationsquelle
Der Schaffner informiert nicht nur über die genaue Uhrzeit, die nächste Station und das erwartete Wetter, sondern kennt auch alle Anschlussverbindungen, die Anzahl freier Sitzplätze im anderen Zugende sowie Klima und Stimmung dort. Er ist praktisch das WLAN oder sogar das soziale Netzwerk der Reisenden.
Leider weiß er oft auch, warum das teuer gekaufte Ticket ungültig ist, welcher Zusatz- oder Ersatzfahrschein fehlt und warum eine Strafe fällig wird.
Wenn du trinkst, schwitzt du es wieder raus
Angesichts der hygienischen Verhältnisse ist Zugfahren auch eine spirituelle Übung und eine besondere Art des Fastens: Man nimmt wirklich nur die unbedingt nötige Flüssigkeitsmenge zu sich und denkt klug voraus, denn hier wirst du kaum Gelegenheit zum Pinkeln haben.
Wenn die Natur doch ruft, bleibt als Alternative immer noch, die Flüssigkeit einfach wieder auszuschwitzen – das erscheint immer noch angenehmer als die Toilette zu benutzen.
Das ständige Problem mit Heizung und Kühlung
Interessanterweise ist es noch das Beste, wenn man die Temperatur durch Hoch- oder Runterkurbeln des Fensters regeln kann – das gilt fast schon als Luxus.
Zugfahren lehrt Selbstdisziplin und das Loslassen weltlicher Vergnügungen, sodass du mit unbewegtem Gesicht das Frieren neben dem heruntergelassenen Fenster oder das Schwitzen neben der fest verschlossenen Glasscheibe erträgst.
Natürlich ist die Lage nicht immer so schlimm: Oft läuft die Klimaanlage im Zug – vor allem im Winter – und manchmal gibt es auch Heizung – im Sommer.
Auch das Aussteigen ist nicht einfach
Es steht außer Frage, dass du eine solche idyllische Umgebung nur ungern verlässt. Doch das Aussteigen vom Zug ist im wahrsten Sinne des Wortes keine leichte Aufgabe.
Nach der vollständigen inneren Reinigung musst du als letzte Herausforderung noch einen Hindernisparcours aus Koffern, im Gang sitzenden Fahrgästen, Kinderwagen, Fahrrädern und Hunden überwinden. Die Bahn will sicher sein, dass du bis zum Aussteigen dein Leben wirklich neu bewertest – bei diesen Ticketpreisen ist das das Mindeste, was du erwarten kannst, oder?











