Meine mütterliche Oma erzählte immer gern Geschichten. Nicht die typischen „Früher war alles besser“-Erzählungen, sondern große Familienlegenden. Eine wiederkehrende Geschichte handelte von unserer deutschen Herkunft. Dass ihr Großvater noch deutschsprachig war, ein anständiger Schwabe, der jedoch früh starb, als sein Sohn – mein Urgroßvater – noch klein war. Die Urgroßmutter meiner Oma heiratete erneut, aus dieser Ehe kamen weitere Kinder, und vom einst deutschen Ehemann blieb schließlich nur noch der seltsam klingende, leicht fremd wirkende Nachname übrig, der während des Zweiten Weltkriegs vorsorglich schnell eingedeutscht wurde.
Zur Geschichte gehörte immer auch eine vage, fast filmreife Szene: Einmal, als meine Oma noch ein Kind war, kamen einige deutsche Verwandte zu Besuch. Sie sprachen keine gemeinsame Sprache, denn schon ihr Vater hatte kein Deutsch mehr gelernt. Mit Händen und Füßen versuchten sie sich zu verständigen, dann verschwanden die entfernten Verwandten und niemand hörte je wieder von ihnen. Sie verloren sich im Geheimnis unserer Familiengeschichte. Diese Geschichte war nicht nur eine Erinnerung, sondern Identität. Sie wurde Teil dessen, wie wir über uns selbst dachten.

Vielleicht genau deshalb begann ich Jahre später mit der Ahnenforschung
Nicht mit einem konkreten Ziel, sondern aus Neugier. Um Namen, Dörfer und Daten zu sehen. Um die Vergangenheit, von der ich bisher nur aus Geschichten wusste, greifbar zu machen.
Aufgeregt begann ich, online verfügbare digitalisierte Kirchenbücher zu durchstöbern – doch die Antworten, die ich fand, waren ganz anders als erwartet.
Ich fand die Geburtsurkunde meines Urgroßvaters. Sein Name war genau so geschrieben, wie wir ihn heute verwenden. Eingedeutscht. Dann fand ich auch die seines Vaters – des angeblichen Deutschen. Derselbe Nachname. Ungarischer Vorname. Geburtsort: ein kleines Dorf bei Eger. Kein Hinweis darauf, dass er deutsch gewesen wäre – weder Nationalität, noch Religion oder Sprache. Selbst wenn ich es gewollt hätte, konnte ich nichts „Fremdes“ entdecken.
Die Familienlegende brach in einem Moment zusammen.

Meine erste Reaktion war überraschenderweise keine Enttäuschung, sondern Verwirrung. Was ist jetzt los? Woher kommt das alles? Warum hat meine Oma sich das ausgedacht? Vielleicht hat sie etwas missverstanden? Oder sie brauchte einfach diese Geschichte?
Auf diese Frage werde ich wohl nie eine Antwort bekommen. Doch je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger erscheint es mir wichtig, die Vergangenheit „bloßzustellen“. Denn vielleicht war die Geschichte faktisch nicht wahr – emotional aber sehr wohl.
Meine Oma glaubte daran, dass wir eine verlorene Vergangenheit haben, dass wir woanders herkommen, dass wir immer ein bisschen Außenseiter sind – und ob das nun stimmte oder nicht, ihr Glaube prägte ihre Persönlichkeit.
Bestimmt prägt es uns, woher wir genau stammen? Welche Sprache unser Urgroßvater sprach, welchen Namen man vor 150 Jahren ins Kirchenbuch schrieb? Ich glaube nicht, dass ich ein anderer Mensch geworden bin, nur weil sich herausstellte, dass mein Urgroßvater kein Deutsch sprach. Ich bin nicht weniger interessant, habe nichts von mir verloren. Denn wichtig ist nicht das, was war, sondern was wir daraus machen. Wie wir unsere Geschichten weitergeben.
Ich habe erkannt, dass die Familiengeschichte oft weniger aus Fakten als aus Geschichten besteht. Aus Erzählungen, die uns helfen, uns selbst zu verstehen, Zeiten zu überstehen, uns einzufügen oder abzugrenzen. Dabei geht es nicht immer um Wahrheit, sondern darum, warum wir diese Geschichten brauchen.











