In dieser Woche ging eine Nachricht durch die sozialen Netzwerke, die eigentlich eine sehr kleine war: Eine bekannte Kneipe trauert um einen ihrer Stammgäste. Kein Prominenter, kein Amt, keine Schlagzeile im klassischen Sinn – und trotzdem haben Tausende sie gelesen und geteilt. Das sagt weniger über die Kneipe aus als über uns. Offenbar berührt uns die Vorstellung sehr, dass es einen Ort gibt, an dem jemand vermisst wird, weil sein Stuhl leer bleibt.
Was ein dritter Ort eigentlich leistet
In der Soziologie gibt es für solche Orte einen schönen Begriff: der dritte Ort. Der erste ist das Zuhause, der zweite die Arbeit, und der dritte ist alles, was dazwischenliegt – das Café an der Ecke, die Eckkneipe, die Bibliothek, der Verein, der Waschsalon, die Bäckerei, in der man den Vornamen der Verkäuferin kennt. Diese Orte haben eine Eigenschaft, die in unserem Leben selten geworden ist: Man muss dort nichts werden. Man ist nicht Gastgeberin, nicht Kollegin, nicht Mutter, nicht Projektverantwortliche. Man sitzt einfach da.
Gerade deshalb tragen diese Orte mehr, als ihnen zugetraut wird. Sie sind das Netz unterhalb der engen Freundschaften. Wer am Dienstagabend keine Lust hat, jemanden anzuschreiben und einen Termin zu vereinbaren, kann trotzdem unter Menschen sein. Diese lockeren Beziehungen – man grüßt, man tauscht drei Sätze über das Wetter, man weiß ungefähr, wer wen kennt – sind für das Gefühl, dazuzugehören, oft wichtiger als die große Verabredung alle sechs Wochen.
Woran du erkennst, dass ein Ort zu deinem werden kann
Nicht jedes Lokal eignet sich. Ein paar Merkmale helfen bei der Suche. Erstens: Es gibt dort Menschen, die sichtbar öfter kommen. Zweitens: Man kann allein hingehen, ohne dass es seltsam wirkt – es gibt einen Tresen, eine Fensterbank, einen kleinen Tisch, an dem eine einzelne Person nicht verloren aussieht. Drittens: Der Geräuschpegel erlaubt Gespräche, erzwingt sie aber nicht. Viertens: Die Preise sind so, dass du zweimal die Woche kommen könntest, nicht nur zweimal im Jahr.
Und fünftens, das Wichtigste: Du fühlst dich beim zweiten Besuch leichter als beim ersten. Ein guter dritter Ort hat einen niedrigen Eintrittswiderstand. Wenn du jedes Mal überlegst, was du anziehst, ist es vielleicht ein schönes Lokal, aber kein Zuhause auf Zeit.



