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„Reisen ist auch eine Kunst – und ich habe gelernt: Es ist besser, nicht alles auf der Landkarte abhaken zu wollen“

Elisabeth Müller4 Min. Lesezeit
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„Reisen ist auch eine Kunst – und ich habe gelernt: Es ist besser, nicht alles auf der Landkarte abhaken zu wollen“ — Lebensstil
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Als Kind war Reisen ein seltener, besonderer Anlass. Vielleicht gab es einmal im Jahr einen Urlaub, meist fuhren wir an vertraute Orte in der Nähe, innerhalb des Landes. Damals war Weltreisen noch kein Trend und auch nicht einfach. Man brauchte einen Pass, manchmal Genehmigungen, und die Planung war langwierig. Reisen war Luxus, kein Lebensstil.

Lernen anzukommen, nicht nur loszufahren

Als Teenager nahm ich immer öfter an Busausflügen teil – mal mit der Familie, mal mit der Schule – und jedes Mal fühlte ich, wie sich meine Welt ein Stück weit erweiterte. Den ganzen Sommer arbeitete ich durch, nur um am Ende der Saison selbst auf Reisen gehen zu können.

Ich erinnere mich noch genau, wie stolz ich war, als ich mit meinem eigenen, durch Wochenendarbeit gesparten Geld nach Kopenhagen reisen konnte.

Später nahm mein Partner eine Auslandstätigkeit an, die zudem ortsunabhängig war – so wurde Reisen Teil unseres Alltags. Während ich studierte, meine Abschlussarbeit schrieb oder mit Online-Jobs begann, reiste ich oft mit. Mal verbrachten wir Monate in einem arabischen Land, dann wieder lange Wochen mitten in Süditalien, Bosnien oder nahe der holländischen Grenze. Ich erlebte, wie anders es ist, irgendwo zu leben statt nur als Tourist unterwegs zu sein. Sich anzupassen, vorsichtig zu sein, zu lernen, wie die Menschen leben, worauf sie stolz sind, was ihnen wichtig ist…

Natürlich gab es auch Phasen, in denen Reisen eher Arbeit als Erlebnis war. Wir arbeiteten sechs Tage die Woche und hatten nur den siebten frei. Manchmal mussten wir entscheiden: Gehen wir zurück zur Familie oder nutzen wir die Zeit, um etwas in der Nähe zu entdecken? So müde wir auch waren, oft wählten wir das Abenteuer – und heute weiß ich, dass das eine großartige Entscheidung war.

Dann kam die Entschleunigung, auf die ich nicht ganz vorbereitet war

Mit der Gründung unserer Familie und unserem Hund wurden die Reisen (zumindest für mich) seltener. Kindergarten, dann die Pandemie – plötzlich verlangsamte sich unser Leben drastisch. Doch das Positive daran war: Statt tausender Kilometer trennt uns jetzt nur noch ein Meter – wir arbeiten beide gemeinsam an einem großen Tisch, von zu Hause aus.

Anfangs war die „Bewegungslosigkeit“ ungewohnt. Neue Eindrücke fehlten, es war schwer, keinen nächsten Reiseziel oder Projekt in Aussicht zu haben.

Doch mit der Zeit wurde mir klar: Mit etwas Planung bestimmen wir jetzt selbst, wann und wohin wir reisen. Und das Schönste daran: Unser Geld fließt nicht mehr in Existenzsicherung oder Renovierung, sondern in ausgewählte Erlebnisse.

So entstand eine neue Form von Freiheit – und damit die Qual der Wahl

Eine Zeit lang fühlte ich mich, als würde ich gegen mich selbst und die Zeit antreten. Wie viele Länder, Städte, neue Punkte warten auf der Landkarte? Noch ein Direktflug, noch ein langes Wochenende, noch ein abgehakter Wunschort... Und wenn wir dann da waren, wollte ich alles sehen: die klassischen Sehenswürdigkeiten und die geheimen Plätze. So folgten wir einem straffen Zeitplan. Die gute Organisation machte unsere Reisen intensiv, doch irgendwann bemerkte ich, dass meine Erinnerungen zu verschwimmen begannen. Ich konnte nicht mehr genau sagen, in welcher Stadt ich die beeindruckende Palme gesehen hatte oder an welchem Ozeanstrand meine Tochter im Februar baden konnte. Namen von Museen, Straßen und Sonnenuntergängen wurden zu einem verschwommenen Bild. Da spürte ich zum ersten Mal wirklich: Ich muss langsamer machen, denn so macht es keinen Sinn.

Eines Tages blieb ich einfach stehen. Ich klärte für mich: Reisen bedeutet nicht, wie viele Orte ich auf der Landkarte abhaken kann, sondern was ich mit nach Hause nehme. Welche Düfte, Geschmäcker, Gefühle, Geschichten...

Ich erkannte auch, dass ich nicht alles auf der Welt sehen werde – und das ist okay. Ich muss nicht jeden Ort kennenlernen, nicht überall tief eintauchen. Was mir wirklich ans Herz wächst, das kann ich später immer noch besuchen.

Heute habe ich gelernt, langsamer zu reisen

Ich will die Welt nicht hastig „konsumieren“. Ich möchte ankommen – bei einem Kaffee, in einer mittelalterlichen Gasse, in einer einzigartigen Geschichte. Ich fühle nicht mehr den Druck, mir selbst beweisen zu müssen, wie viele Orte ich besucht habe. Vielmehr möchte ich, dass jede Reise mir wirklich etwas schenkt. Denn Reisen ist tatsächlich eine Kunst – nicht die Kunst, Sehenswürdigkeiten abzuhaken, sondern den Moment zu erleben. Die schönste Route zeichnet sich nicht auf der Landkarte ab, sondern in uns – und dafür ist das Erleben des Augenblicks unverzichtbar.

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