Lange dachte ich, Wut sei etwas Schlechtes. Etwas, das man unterdrücken, verstecken und nicht zeigen sollte. Dann wurde mir klar, dass Wut eines der ehrlichsten Gefühle ist, die wir haben können. Wichtig ist nur, was wir daraus machen.
Meine Wut trug ich viele Jahre mit mir, oft ohne genau zu wissen, was dieses Gefühl eigentlich ist oder woher es kommt. Ich wusste nur, dass es tief in mir steckt – hartnäckig und seit Jahrzehnten.
Viele Kindheitserfahrungen aus meiner Vergangenheit habe ich mit mir getragen. Situationen, in denen niemand auf mich achtete, in denen ich mich unwichtig fühlte, in denen ich als Kind allein mit Gefühlen kämpfte, die ich nicht verstand. Diese Wunden verschwanden nicht, als ich erwachsen wurde. Sie zeigten sich nur anders: mal in Sarkasmus, mal in Überempfindlichkeit, oder darin, dass mich schon ein kleiner Satz unverhältnismäßig wütend machen konnte.
Jahre der Therapie und Selbstreflexion brauchten ich, um zu verstehen: meine Wut ist eigentlich ein Signal. Sie sagt: „Etwas hat wehgetan, und niemand hat es bemerkt.“ Diese Erkenntnis hat alles verändert. Denn ich begriff, dass Wut nicht mein Feind ist – sondern ein Teil meines alten Ichs, das endlich gehört werden will.
Überall hört man, dass Vergebung der Schlüssel zur Heilung ist. Der letzte Schritt, der Erleichterung bringt und die Vergangenheit endlich an ihren Platz rückt. Ich glaube nicht daran.
Vergebung ist eine schöne Geste, aber nicht für jeden verpflichtend
Ich zum Beispiel habe bis heute das Gefühl: Wenn ich denen vergebe, die mich in meiner Kindheit im Stich gelassen haben, würde ich auch meinen Schmerz auslöschen. Als würde ich meinem inneren Kind sagen: „Siehst du, es war mir auch egal, was passiert ist.“ Dabei war es das nicht. Wenn es damals niemanden interessierte, dann mich jetzt.
Wenn ich vergesse oder loslasse, ohne auszusprechen, was war, würde ich die wichtigste Botschaft löschen: Dass auch ich wichtig war. Dass das kleine Mädchen, das Schmerz, Angst und Wut fühlte, diese Gefühle berechtigt hatte. Deshalb war für mich nicht Vergebung der Schlüssel zur Heilung, sondern ich lernte, mit meiner Wut zu leben – ohne mich von ihr auffressen zu lassen.

Einmal las ich: „Wütend zu sein ist wie Gift zu trinken und zu hoffen, dass der andere daran stirbt.“
Und das stimmt. Die Wut, die ich jahrelang in mir trug, fing an, mich selbst zu zerstören. Nicht die, die mich verletzt hatten, wurden dadurch geschädigt, sondern ich, die immer wieder den alten Schmerz durchlebte. Da verstand ich, dass ich Wut und Vergebung trennen muss. Wut loszulassen heißt nicht, jemanden freizusprechen – sondern nur, ihr nicht mehr die Kontrolle zu geben.
Unsere Gefühle lassen sich natürlich nicht einfach abschalten. Man kann ihnen nicht befehlen: „Sei ab jetzt weg.“ Aber wir können lernen, auf sie zu hören und sie richtig einzuordnen. Heute, wenn ich spüre, dass etwas in mir brodelt, halte ich inne. Ich erkenne meine Wut an und lasse sie zu, ohne ihr sofort das Steuer zu übergeben.
Stattdessen frage ich sie: „Woher kommst du? Was willst du mir jetzt sagen?“ Meist zeigt sich schnell, dass es nicht um die aktuelle Situation geht. Sondern um etwas, das lange her ist und damals niemand hören wollte.
Dann stelle ich mir das kleine Mädchen in mir vor, das wütend ist, weil es Angst hat, hilflos ist und keinen Schutz bekam. Mein erwachsenes Ich geht zu ihr. Ich bitte sie nicht, sich zu beruhigen. Ich bin einfach da und verspreche ihr, dass ich jetzt auf sie aufpasse. Sie muss die Situation nicht lösen, keine Panik bekommen und ihre zerstörerische Wut nicht aus Angst loslassen – denn hier ist ein Erwachsener, ich, der die Lage regelt. Der weiß, was zu tun ist, damit wir sicher sind.
Meine Wut wird dann sanft. Sie verschwindet nicht, aber sie tobt nicht mehr. Der furchteinflößende, blutrünstige Tiger atmet langsam, legt sich hin und blinzelt schläfrig.
Wut ist kein Zeichen von Schwäche. Sondern der Beweis, dass wir die Kraft hatten, zu fühlen. Und wenn wir lernen, diese Kraft zu zähmen, wird Wut nicht mehr unser Feind sein, sondern unser Beschützer – der uns daran erinnert: Wir zählen. Wir haben immer gezählt.











