Vielleicht spürst du manchmal, dass bei den modernen „freien" Ernährungsweisen und den blitzschnellen Entgiftungskuren etwas fehlt. Es geht nicht nur um zweifelhafte Ergebnisse, sondern auch um den wahren Zweck, denn früher war das Fasten viel mehr als nur der Wunsch abzunehmen.
Wir neigen dazu zu glauben, dass das „Zurücksetzen" des Körpers eine moderne Erfindung ist, dabei wussten unsere Großeltern seit Generationen, wie man im Frühling körperlich und geistig erneuert. Sie strebten nicht Autophagie an, doch die zeit vor Ostern war für sie keine erzwungene Entbehrung, sondern eine Reise für Körper und Seele. Die als 40-tägiges Fasten bekannte Zeit umfasste tatsächlich 46 Tage und bot die Möglichkeit, körperlich und mental alles abzulegen, was die kalten, schweren Monate mit sich brachten.
Um zu verstehen, warum diese Zeit zugleich Prüfung und Befreiung war, lohnt es sich, die Gewohnheiten der Erwartungszeit näher anzuschauen:
In der still gewordenen Küche kamen die reinen Aromen der Natur zum Vorschein
Mit dem Aschermittwoch verstummte in den alten Küchen buchstäblich das Brutzeln. Fette, Fleisch und oft sogar Eier und Milchprodukte wurden vom Tisch verbannt und durch gut lagerbare Wintervorräte sowie frische Frühlingspflanzen ersetzt. Diese Zeit bedeutete jedoch nicht unbedingt Verzicht, sondern oft Kreativität: Die Frauen zauberten mit erstaunlichem Geschick sättigende Gerichte aus dem, was Erde und Vorratskammer hergaben. Beliebt waren verschiedene Breie, und die wahre Fastenspezialität war der Keimbrei, der mit der natürlichen Süße des Weizenkorns den Nachtisch ersetzte. Die Basis der Ernährung bildeten Sauerkraut, Suppen aus Trockenfrüchten und verschiedene Teigwaren wie Mohn- oder Nussstreifen.

Obwohl sich strenge Volksbräuche stark gelockert haben, hält die katholische Kirche bis heute an den Maßen der Mäßigung fest, besonders am Aschermittwoch und Karfreitag. An diesen Tagen werden Gläubige gebeten, nur eine volle Mahlzeit einzunehmen, dürfen aber an zwei weiteren Gelegenheiten essen, ohne sich ganz satt zu fühlen.
Schlaue Lösungen unter Wasser
Unsere Vorfahren nahmen das Fasten so ernst, dass sie die Regeln mit etwas Einfallsreichtum „neu dachten", um ihr Vorhaben durchzuhalten. Da in vielen Gegenden der Fischkonsum nicht verboten war, begannen sie, Wassertiere als universelle Symbole der Reinheit zu sehen – und somit als erlaubte Speisen. So kam es, dass in manchen Zeiten sogar Tiere wie Schildkröten oder Biber auf den Fastentisch kamen.
Auch die Seele fastete
Während der 6 Wochen Fastenzeit veränderten sich nicht nur die Speisen, sondern auch der Rhythmus des Alltags verlangsamte sich. Die Dörfer wurden still: Instrumente verstummten, laute Faschingsfeiern endeten. Man glaubte, dass selbst die Geige in dieser Zeit schweigen sollte, denn es war eine Phase der Geduld und inneren Ordnung.

In dieser Zeit vermieden die Menschen laute Worte, Streitigkeiten und sogar Flüche.
Das Gemeinschaftsleben beschränkte sich auf die Kirche und das abendliche gemeinsame Gebet, doch auch äußerlich zeigten sich Loslassen und Buße: In vielen Regionen trugen Frauen dunklere, schmucklose Kleidung und tauschten bunte Kopftücher gegen schwarze aus.
Am Ende der Fastenzeit stellten sich unsere Urgroßmütter nicht auf die Waage, sondern begrüßten die frisch verputzten Wände und die ersten wirklich wärmenden Sonnenstrahlen. Vielleicht lohnt es sich, von ihnen diese Achtsamkeit zu lernen, die uns stärkt in dem Bewusstsein, dass Erneuerung keine teuren Pulver oder Kuren braucht, sondern die ehrliche Aufmerksamkeit, mit der wir auf unsere Bedürfnisse und den Rhythmus der Natur hören.











