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Wenn Selbstliebe zum Dauerprojekt wird: Warum die Wellness-Industrie oft mehr schadet als hilft

Schuster Borka5 Min. Lesezeit
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Wenn Selbstliebe zum Dauerprojekt wird: Warum die Wellness-Industrie oft mehr schadet als hilft — Lebensstil
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Meinungsartikel von Borka Schuster

Dass Selbstliebe wichtig ist, würde wohl niemand bestreiten. Vielleicht ist sie sogar das Wertvollste, was wir uns selbst schenken können. Die Fähigkeit, nicht nur mit anderen geduldig und verständnisvoll zu sein, sondern auch mit uns selbst, kann ein Leben buchstäblich verändern.

Unsere Erfolge anerkennen, uns unsere Fehler verzeihen und unseren Wert nicht ausschließlich an unserer Leistung messen – das könnte tatsächlich eines der großen Ziele im Leben sein.

In den letzten Jahren habe ich allerdings immer öfter das Gefühl, dass irgendetwas aus dem Ruder gelaufen ist. Selbstliebe ist nämlich nicht nur etwas, das viele von uns als Kind nie gelernt haben und das wir jetzt als Erwachsene mühsam nachholen müssen. Aus Selbstliebe ist auch eine ganze Industrie geworden.

Ein riesiger Markt, der uns Bücher, Kurse, Workshops, Nahrungsergänzungsmittel, Journale, Apps und Lifestyle-Programme verkaufen will. Die Botschaft klingt zunächst positiv: Kümmere dich um dich selbst.

Das Problem ist nur: Diese Werbebotschaften suggerieren oft, dass du dich nicht genug gekümmert hast, wenn du nicht auch noch dieses eine Produkt kaufst.

Es gibt immer noch eine Gewohnheit, die man sich aneignen sollte. Noch eine Morgenroutine. Noch ein Vitamin. Noch einen Kurs. Noch eine Methode, mit der wir zu einem besseren, achtsameren, gesünderen, produktiveren und ausgeglicheneren Menschen werden.

Die Falle, in die wir hineinlaufen

Und während wir im Namen der Selbstliebe an uns arbeiten, merken wir nicht einmal, dass wir direkt in eine Falle tappen. Denn diese Unternehmen wollen gar nicht, dass wir uns rundum gut fühlen und sie irgendwann nicht mehr brauchen.

Ihr Ziel ist ein anderes: Wir sollen uns nach einem versprochenen, besseren Zustand sehnen – und bereit sein, dafür zu bezahlen.

Ich steckte lange selbst mittendrin. Ich las Bücher, hörte Podcasts, folgte Expertinnen und Influencern. Überall sah ich nur, woran es noch zu arbeiten gäbe. Ich könnte eine achtsamere Mutter sein. Eine effizientere Angestellte. Eine fittere Frau. Ein ruhigerer Mensch. Eine bessere Partnerin. Organisierter, gesünder, ausgeglichener.

Anfangs wirkte das inspirierend. Irgendwann aber wurde mir klar: Ich entwickelte mich gar nicht mehr weiter – ich machte mich nur noch selbst fertig. Jeder neue Ratschlag bestärkte mich in dem Gefühl, dass mir etwas fehlt. Dass ich irgendetwas falsch mache. Dass ich irgendwo immer noch nicht genug bin.

War ich traurig, wollte ich mich sofort „reparieren". War ich enttäuscht, suchte ich nach der Technik, mit der ich die Enttäuschung schneller überwinden könnte. War ich erschöpft, überlegte ich, welche neue Gewohnheit mir noch fehlt, damit ich mich endlich ausgeruht fühle.

Dabei ist es völlig in Ordnung, ein paar Tage lang traurig zu sein. Enttäuscht zu sein. Erschöpft zu sein. Nicht jedes unangenehme Gefühl ist eine Fehlermeldung, die man sofort beheben muss. Manchmal sind es einfach menschliche Reaktionen auf das, was gerade in unserem Leben passiert.

Die Selbstliebe-Industrie tut aber oft so, als wäre allein die Existenz negativer Gefühle schon ein Problem. Als wäre es das Ziel, sich pausenlos gut zu fühlen.

Nur so funktioniert das Leben eben nicht

Selbstliebe bedeutet nicht, dass uns das Lächeln ins Gesicht gefroren ist. Sie bedeutet, dass wir jedes Gefühl zulassen – die schönen wie die schweren – und dabei darauf vertrauen, dass wir stark genug sind, auch aus dieser Situation wieder herauszukommen.

Es hat gedauert, bis mir klar wurde: Allen Influencer-Posts zum Trotz ist es vollkommen okay, nicht acht verschiedene Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel zu schlucken. Ich darf mich einfach darüber freuen, dass ich neben Job und Muttersein zweimal pro Woche zum Sport komme. Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, weil ich meine Proteinzufuhr nicht auf das Gramm genau zähle und nicht jedem neuen Fitnesstrend hinterherlaufe.

Es hat gedauert, bis ich an diesem Punkt angekommen bin. Aber Selbstliebe ist für mich heute kein weiteres Projekt mehr, das ich managen muss. Sie ist viel eher die Erkenntnis, dass ich schon jetzt gut genug bin.

Dass ich schlechte Tage haben darf, Schwächen, halb fertige Pläne und unperfekte Gewohnheiten – ohne mich deshalb ständig als einen Menschen zu sehen, an dem es dringend etwas zu reparieren gibt.

Sich weiterzuentwickeln ist etwas Schönes, und wenn wir dabei etwas finden, das uns wirklich hilft, ist das großartig. Doch das eigentliche Ziel sollte eine andere Erkenntnis sein: Wir sind genug. Auch ohne die nächste App oder das nächste Nahrungsergänzungsmittel.

Was bedeutet Selbstliebe wirklich?

Selbstliebe heißt nicht, ständig gut gelaunt zu sein, sondern alle Gefühle zuzulassen – die schönen und die schweren – und darauf zu vertrauen, dass man stark genug ist, wieder herauszukommen.

Warum kann die Selbstliebe-Industrie schaden?

Weil viele Angebote suggerieren, dass wir nur mit dem nächsten Produkt genug für uns tun. So entsteht ein ständiges Gefühl von Mangel und der Eindruck, immer noch nicht gut genug zu sein.

Muss ich jedem Wellness-Trend folgen, um mich um mich zu kümmern?

Nein. Es ist völlig in Ordnung, nicht acht Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen oder jedem Fitnesstrend zu folgen. Man darf sich auch über kleine, machbare Gewohnheiten freuen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

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