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Wie eine Schnecke und meine 5-jährige Tochter meine Sicht auf die Welt veränderten

Schuster Borka3 Min. Lesezeit
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Wie eine Schnecke und meine 5-jährige Tochter meine Sicht auf die Welt veränderten — Familie

An einem regnerischen Tag, an einem ganz normalen Nachmittag. Wir gingen vom Kindergarten nach Hause, meine fünfjährige Tochter und ich. Der Regen hatte aufgehört, der Himmel war klar, die Luft frisch und balsamisch – es tat gut, den erfrischten, gereinigten Duft der Stadt tief einzuatmen. Wir hatten es nicht eilig. Der Heimweg vom Kindergarten ist sowieso etwas Heiliges – hier erzählen wir uns, was seit dem Morgen passiert ist.

Wir nahmen unseren Lieblingsumweg, den meine Tochter nur „die stille Straße“ nennt, weil hier der Lärm der nahen Hauptstraße nicht zu hören ist. Wir beide seufzen fast jedes Mal auf, wenn wir hier abbiegen, denn endlich herrscht Ruhe um uns herum und es sind nur wir zwei zusammen. Endlich können wir reden oder einfach nebeneinander hergehen, Hand in Hand. Aber an diesem Tag gingen wir besonders gemächlich.

Wir blieben an jeder Pfütze stehen. Wir schauten, wie sich der Himmel darin spiegelt, wie die Oberfläche bei einem fallenden Blatt zittert. Wir bewunderten die Wassertropfen auf den Blättern, die wie kleine Linsen die Welt vergrößerten. Dann entdeckten wir die Schnecke.

Sie kroch langsam und ohne Eile an einem Zaun entlang. Wir blieben stehen. Still beobachteten wir sie, und da meine Tochter völlig fasziniert war, bewegte ich mich auch nicht weiter, sondern schaute Minuten lang zu, wie der kleine Schleimfuß am Zaun entlangrutschte. Wir sahen, wie sie vorankam, wie ihre kleinen Fühler die Welt ertasteten, wie ihr Körper langsam ihrem Haus folgte. Die Zeit verlor irgendwie ihre Bedeutung.

Schnecke im Gras

Die Welt steckt auch als Erwachsener voller Wunder – man muss nur manchmal warten

Wir standen schon gute fünfzehn Minuten da, als meine Tochter ein Grashalm zur Schnecke hielt. Und dann geschah etwas ganz Unerwartetes: die Schnecke begann, das Grün zu knabbern.

Ich stand da, 35 Jahre alt, und sagte laut, was mir durch den Kopf ging: dass ich noch nie eine Schnecke beim Essen gesehen hatte. Ehrlich gesagt war ich mir nicht einmal sicher, wo genau ihr Mund war. Dabei hätte ich wissen müssen, dass sie einen hat – dieser Anblick überraschte mich trotzdem.

Meine Tochter bemerkte die Überraschung in meiner Stimme. Sie nahm den Blick nicht von der Schnecke, während sie ganz selbstverständlich sagte: „Alles kann interessant sein, wenn du nur geduldig genug bist.“

Dieser Satz begleitet mich seitdem. So einfach und doch so treffend. Er kommt mir oft in den Sinn, wenn ich merke, dass mir langweilig ist, ich nach Reizen suche oder in einer freien Minute zum Handy greife. Ich habe erkannt, dass in den letzten Jahren, während sich alles um uns beschleunigt hat, nicht die Welt langweiliger wurde, sondern ich ungeduldiger. Dass ich ständig das Aufregende, das Laute, das Sofortige suche – und dabei an Schnecken vorbeigehe.

Mutter und Tochter spielen fröhlich im Regen

Diese kleine Szene hat langsam meine Denkweise verändert. Sie hat mich gelehrt, dass Langsamkeit kein Nachteil, sondern eine Chance ist. Dass bewusste Präsenz keine abstrakte spirituelle Übung ist, sondern eine sehr praktische Entscheidung: dazubleiben, hinzuschauen, abzuwarten.

Seitdem versuche ich, weniger zu hetzen. Ich lasse öfter einen Gedanken zu Ende gehen. Ein Gespräch soll nicht nur Informationsaustausch sein, sondern echtes Miteinander. Nicht die ständige Suche nach Reizen soll meinen Tag bestimmen, sondern ich erlaube mir auch mal Langeweile – denn daraus entsteht oft Aufmerksamkeit.

Eine Schnecke und ein Satz meiner fünfjährigen Tochter brauchten wir, damit ich erkannte: die Welt steckt auch als Erwachsener voller Wunder. Sie zeigt sich nur manchmal langsamer, als wir es uns wünschen. Aber wenn wir genug Geduld haben, können wir ganz überraschende Dinge entdecken.

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