Ein Chef in einem Tokioter Büro sackt mitten im Meeting über seinem Schreibtisch zusammen und döst weg – und niemand sagt ein Wort. In Norwegen schläft ein Säugling bei Minusgraden im Kinderwagen, während die Mutter einkaufen geht. Das sind keine Ausrutscher, sondern jahrhundertealte, teils sogar wissenschaftlich belegte Schlafgewohnheiten. Für uns Mitteleuropäer wirken sie auf den ersten Blick seltsam, manchmal sogar beunruhigend – und halten sich trotzdem hartnäckig.
Lange galt Schlaf als etwas Universelles, biologisch in Stein Gemeißeltes: Wir gehen abends ins Bett, stehen morgens auf und schlafen acht Stunden am Stück. Doch Kulturanthropologen und Schlafforscher finden immer mehr Belege dafür, dass dieses Muster keineswegs überall gilt.
1. Inemuri – das öffentliche Nickerchen in Japan
In Japan ist das Verhältnis zum Tagschlaf ein ganz anderes als bei uns. Inemuri bedeutet wörtlich, anwesend zu sein und trotzdem zu schlafen – und genau das beschreibt die Szene, wenn jemand in der U-Bahn, in einer Besprechung oder sogar am Schreibtisch für ein paar Minuten wegnickt. In der japanischen Gesellschaft gilt das nicht als Faulheit, sondern im Gegenteil: als Beweis von Fleiß. Wer so erschöpft eindöst, hat offensichtlich so viel gearbeitet, dass der Körper einfach nicht mehr wachbleiben konnte.
Forscher wie die Anthropologin Brigitte Steger, die dieses Phänomen jahrelang untersucht hat, kamen zu dem Schluss: Inemuri ist eigentlich ein fein regulierter sozialer Code. Es wird akzeptiert, solange die Person im Sitzen und halbwach döst – und jederzeit sofort wieder ins Geschehen einsteigen kann.
Wer in Japan bei der Arbeit einschläft, gilt nicht als faul, sondern als seiner Aufgabe treu ergeben.
Die westliche Arbeitskultur stempelt Tagschlaf dagegen als Schwäche ab. Dabei ist eine der grundlegenden Erkenntnisse der Schlafforschung gerade, dass ein kurzes Nickerchen von zwanzig bis dreißig Minuten Konzentration und Reaktionszeit messbar verbessert. Inemuri ist also kein Zufall, sondern das Ergebnis einer sozialen Übereinkunft, die längst intuitiv erkannt hat, was die Wissenschaft erst jetzt wirklich zu verstehen beginnt.
2. Babys, die in Skandinavien in der Kälte schlafen
In Norwegen, Schweden und Finnland ist es ein völlig alltäglicher Anblick, dass Eltern ihr schlafendes Kind im Kinderwagen draußen auf dem Balkon oder auf der Straße lassen – auch bei Minusgraden – während sie selbst drinnen in der Wohnung oder in einem Café sitzen.
Diese Gewohnheit entspringt nicht Nachlässigkeit, sondern einer alten Überzeugung: Frische, kalte Luft sorgt für tieferen und gesünderen Schlaf bei Babys als die geheizte, trockene Zimmerluft. Skandinavische Eltern nehmen das so ernst, dass auch Kindergärten eigene Schlafplätze im Freien einrichten, wo die Kleinen dick in Schlafsäcke eingepackt selbst bei etwa minus zehn Grad dösen.
Mehrere finnische und norwegische Studien haben das Phänomen untersucht und festgestellt: Babys, die im Freien schlafen, zeigen tatsächlich längere und ruhigere Schlafzyklen – vorausgesetzt, sie sind passend angezogen und die Eltern bleiben in der Nähe. Das Schlafen an der kalten Luft ist also kein Leichtsinn, sondern eine über Generationen verfeinerte Praxis, die die skandinavische Kultur bis heute fast als unumstößliche Wahrheit behandelt.
3. Die balinesischen Babys, die monatelang den Boden nicht berühren
Auf der Insel Bali gilt nach dem traditionellen Glauben, dass Neugeborene den Göttern noch zu nahe stehen, um den Boden zu berühren. Deshalb wird das Baby in den ersten drei bis sechs Lebensmonaten nahezu ununterbrochen von jemandem gehalten, getragen – oder es schläft direkt neben der Bezugsperson. Auf den Boden wird es nicht gelegt.
Das bedeutet: Auch nachts schläft der Säugling in körperlicher Nähe, oft neben der Mutter oder einem anderen Familienmitglied, in warmer Berührung – statt allein in einem Bettchen. Dahinter steckt kein zweckloser Aberglaube, sondern eine enge gemeinschaftliche und familiäre Struktur, in der die Pflege des Babys niemals Sache einer einzelnen Person ist, sondern der ganzen Großfamilie.
Aus westlicher Sicht mag dieser fast pausenlose Körperkontakt übertrieben wirken. Doch anthropologische Beobachtungen zeigen: Balinesische Babys weinen in den ersten Monaten auffällig wenig und schlafen ruhiger als ihre westlichen Altersgenossen, die regelmäßig allein im Bettchen gelassen werden. Die enge körperliche Nähe ist hier also keine Verwöhnung, sondern die grundlegende Erziehungsphilosophie einer ganzen Kultur.
4. Der zweiphasige Schlaf im vorindustriellen Europa
Der Historiker Roger Ekirch hat jahrzehntelang die nächtlichen Gewohnheiten des alten Europa erforscht und kam zu einem verblüffenden Ergebnis: Vor der Industrialisierung, also vor der Verbreitung des künstlichen Lichts, schlief ein großer Teil der Menschen nicht am Stück acht Stunden, sondern in zwei getrennten Phasen.
Der Kern dieses sogenannten segmentierten Schlafs: Die Menschen legten sich kurz nach Einbruch der Dunkelheit hin, wachten gegen Mitternacht für ein bis zwei Stunden auf, verbrachten diese Zeit mit Beten, Gesprächen, manchmal mit Nachbarschaftsbesuchen – und legten sich dann für eine zweite Schlafphase bis zum Morgengrauen wieder hin. Dieses Muster taucht in zeitgenössischen Tagebüchern, Gerichtsprotokollen und ärztlichen Aufzeichnungen als völlig natürliche Tagesroutine auf.
Laut Ekirch war dieser zweiphasige Rhythmus keine Schlafstörung, sondern ein Schlafmuster, das sich in Abwesenheit künstlichen Lichts am natürlichen Hell-Dunkel-Zyklus orientierte. Moderne schlaflaborexperimente, bei denen Freiwillige über lange, dunkle Nächte ohne künstliches Licht beobachtet wurden, zeigten überraschenderweise ein ähnliches, spontan entstehendes zweiphasiges Muster.
Das nächtliche Wachliegen, das heute viele als Schlaflosigkeit erleben, könnte also in Wahrheit die Rückkehr eines uralten, in unseren Körper einprogrammierten Rhythmus sein.
Ist ein Nickerchen am Tag wirklich gesund?
Ja. Ein kurzes Nickerchen von etwa zwanzig bis dreißig Minuten kann Konzentration und Reaktionszeit messbar verbessern – genau das, was die japanische Inemuri-Kultur intuitiv seit Langem nutzt.
Ist es sicher, Babys bei Kälte draußen schlafen zu lassen?
In Skandinavien gilt das als bewährte Praxis. Studien zeigen längere und ruhigere Schlafzyklen – allerdings nur, wenn die Kinder passend warm angezogen sind und die Eltern in der Nähe bleiben.
Warum berühren balinesische Babys monatelang nicht den Boden?
Nach traditionellem balinesischem Glauben stehen Neugeborene den Göttern noch zu nahe, um den Boden zu berühren. In den ersten Monaten wird das Baby deshalb ständig getragen oder gehalten – eingebettet in eine enge Großfamilie.
Was ist segmentierter oder zweiphasiger Schlaf?
Es ist ein Schlafmuster, bei dem man in zwei getrennten Phasen schläft, unterbrochen von ein bis zwei wachen Stunden mitten in der Nacht. Vor der Verbreitung des künstlichen Lichts war das in Europa völlig normal.











