Auf meinem Nachttisch liegen vier Bücher. Zwei davon habe ich angefangen, eines wurde mir geschenkt, eines stand auf einer dieser Listen, die man im Januar hoffnungsvoll speichert. Gelesen habe ich zuletzt: Nachrichten, Betreffzeilen, drei Absätze eines Romans, bevor mir das Buch aus der Hand kippte. Dabei kann ich lesen. Ich habe es nur verlernt zu wollen – oder genauer: Ich habe verlernt, wie sich die ersten zwanzig langweiligen Minuten anfühlen, bevor ein Buch einen packt.
Warum es plötzlich so schwerfällt
Ein Roman verlangt etwas, das unser Alltag systematisch abtrainiert: ausgehaltene Langeweile. Kurze Texte, Videos und Feeds belohnen uns sofort, alle paar Sekunden. Ein Buch belohnt uns spät, dafür tief. Wenn wir also abends aufschlagen und nach einer Seite unruhig werden, ist das kein Charakterfehler und kein Beweis, dass wir keine Leserinnen mehr sind. Es ist Gewöhnung – und Gewöhnung lässt sich umdrehen.
Der Herbst ist dafür der günstigste Moment im Jahr. Es wird früh dunkel, draußen ist weniger los, und die Abende dehnen sich ohnehin. Man muss sie nur füllen, bevor es der Bildschirm tut. Das ist meine ganze Strategie, und sie ist unspektakulär: Ich besetze die Zeit, bevor sie besetzt wird.
Die Erlaubnis abzubrechen
Der größte Lesekiller ist die Pflicht. Viele von uns haben in der Schule gelernt, dass man ein angefangenes Buch zu Ende liest, und schleppen deshalb Bände mit sich herum, die sie langweilen. Das vergiftet das gesamte Lesen: Man greift abends nicht zum Buch, weil man ahnt, dass es Arbeit wird.
Gib dir deshalb eine klare Regel. Meine lautet: fünfzig Seiten. Danach entscheide ich frei. Ein Buch, das mich nicht will, darf zurück ins Regal, in die Bücherbox im Treppenhaus oder in den Schrank an der Straßenecke. Erstaunlich oft kommt nach drei abgebrochenen Büchern eines, das mich bis zwei Uhr nachts wach hält – und dann ist die Gewohnheit wieder da.
Ort, Zeit und ein bisschen Inszenierung
Lesen braucht einen Platz, an dem nichts anderes passiert. Das Bett ist verlockend, aber oft der schlechteste Ort, weil Müdigkeit und Buch dort zu schnell verschmelzen. Ein Sessel, eine Ecke der Couch, der Küchentisch nach dem Abräumen: Hauptsache, es gibt gutes Licht und eine Ablage für die Tasse. Das Handy liegt in einem anderen Raum, nicht umgedreht daneben – die Versuchung ist stärker als der Vorsatz.
Zwanzig Minuten reichen, und zwar wirklich. Wer sich vornimmt, jeden Abend eine Stunde zu lesen, scheitert am ersten anstrengenden Tag. Zwanzig Minuten überstehst du auch nach einem miesen Dienstag, und sehr häufig werden daraus von allein vierzig. Wenn du eine Uhrzeit brauchst, koppele das Lesen an etwas, das du sowieso tust: nach dem Zähneputzen, nach der letzten Spülmaschinenrunde, nach dem Tee.
Mehrere Bücher parallel? Unbedingt
Ich habe lange geglaubt, das sei unseriös. Inzwischen finde ich es die beste Versicherung gegen Leseflauten. Ein anspruchsvolleres Buch für wache Abende, ein leichteres für müde, etwas Kurzes – Erzählungen, Essays, Gedichte – für die zehn Minuten in der Bahn. So gibt es immer etwas, das zur eigenen Verfassung passt, und keine Ausrede, das Handy zu nehmen, weil das dicke Buch gerade zu viel verlangt.
Zählt ein Hörbuch auch als Lesen?
Für den Zweck, um den es hier geht, ja. Wenn dir eine Geschichte beim Bügeln, Pendeln oder Spazierengehen Gesellschaft leistet, hältst du die Verbindung zu Erzählungen aufrecht, und genau die ist im Alltag verloren gegangen. Beachte nur den Unterschied in der Aufmerksamkeit: Beim Hören driftet man leichter ab, komplizierte Texte funktionieren gedruckt oft besser. Viele nutzen beides parallel und wechseln je nach Situation das Medium.
Wie viele Seiten am Tag sind realistisch?
Statt Seiten zu zählen, zähle lieber Minuten – Seitenzahlen unterscheiden sich stark nach Schriftgröße und Schwere des Textes und erzeugen unnötigen Druck. Zwanzig Minuten täglich summieren sich über einen Herbst zu einer beachtlichen Zahl von Büchern, ohne dass es sich je nach Leistung anfühlt. Und an Tagen, an denen gar nichts geht, lies eine Seite. Nicht wegen der Seite, sondern damit die Gewohnheit nicht abreißt.










