Bien Logo

Aussteigen oder weitermachen? Was Quizshow-Momente über unsere Entscheidungen verraten

Isabella Wolf4 Min. Lesezeit
Teilen:
Aussteigen oder weitermachen? Was Quizshow-Momente über unsere Entscheidungen verraten — Geld & Beruf
In diesem Artikel

Es gibt diesen einen Moment, über den anschließend alle reden: Jemand sitzt vor einer Entscheidung, hat schon viel erreicht, könnte aussteigen – und macht weiter. Rund um eine populäre Quizshow wird gerade wieder darüber diskutiert, ob das mutig war oder leichtsinnig. Interessant ist daran weniger die Show als das Gefühl, das wir alle kennen: Wenn wir schon so weit gekommen sind, fühlt sich Aufhören wie Verlieren an. Genau dieses Gefühl entscheidet in unserem Alltag öfter, als uns lieb ist – über Projekte, Jobs, Weiterbildungen, manchmal über ganze Lebensjahre.

Warum Aufhören sich anfühlt wie Scheitern

Unser Kopf rechnet nicht in Wahrscheinlichkeiten, sondern in Geschichten. Und die Geschichte „Ich habe schon drei Jahre in diese Position investiert“ ist stärker als die nüchterne Frage, ob das vierte Jahr sich lohnt. Dazu kommt der Effekt, dass Verluste schwerer wiegen als Gewinne: Etwas abzugeben, das wir schon in der Hand haben, tut mehr weh, als etwas nicht zu bekommen. Deshalb bleiben Menschen in Aufgaben, die sie längst auslaugen, führen Renovierungen zu Ende, die sie hassen, und halten an Weiterbildungen fest, deren Ziel sie gar nicht mehr wollen.

Hilfreich ist eine einfache Umformulierung. Frag dich nicht: „Soll ich jetzt abbrechen?“ Frag dich: „Wenn ich heute neu und ohne Vorgeschichte starten würde – würde ich mich dafür entscheiden?“ Diese Frage entfernt das Bereits-Investierte aus der Rechnung. Sie fühlt sich unbequem an, und genau das ist ihr Wert.

Die Stopp-Regel, die du vorher festlegst

Profis in risikoreichen Berufen entscheiden selten im Moment der Anspannung. Sie legen vorher fest, wann Schluss ist. Das kannst du übernehmen, und zwar ganz banal: Bevor du ein Projekt startest, schreibst du auf, woran du erkennen wirst, dass es nicht funktioniert. Zwei Quartale ohne Kundenzuwachs. Drei Bewerbungsrunden ohne ein einziges Gespräch. Ein Sommer, in dem du jeden Sonntagabend Bauchschmerzen hast.

Der Zettel mit dieser Regel ist keine Prophezeiung, sondern ein Geschenk an dein späteres, müdes Ich. Denn im Moment der Entscheidung bist du selten klar: Du bist im Tunnel, es geht um Stolz, um Blicke von außen, um die Angst, dass „alles umsonst“ war. Eine vorher notierte Grenze macht das Aufhören zu einer Erfüllung deines Plans – nicht zu einer Niederlage.

Wen du fragst – und wen besser nicht

In Quizshows gibt es den Publikumsjoker und den Telefonjoker, und wir haben im Alltag genau dieselben zwei Optionen: die breite Meinung und die eine Person, die sich wirklich auskennt. Der Fehler liegt meist darin, dass wir Menschen fragen, die uns beruhigen sollen, statt Menschen, die etwas wissen. Deine beste Freundin liebt dich – aber sie kennt vielleicht die Branche nicht, in die du wechseln willst.

Praktisch heißt das: Trenne Trost von Information. Für Trost rufst du die Menschen an, die dich mögen. Für Information suchst du jemanden, der die Situation schon durchlebt hat, und stellst konkrete Fragen: Was hat länger gedauert als gedacht? Was hättest du anders gemacht? Was war finanziell der unterschätzte Punkt? Zwei solcher Gespräche bringen dich oft weiter als zwanzig gutgemeinte Ratschläge.

Woran merke ich, dass ich nur aus Trotz weitermache?

Ein guter Indikator ist die Sprache, die du benutzt. Wenn du über dein Projekt vor allem in Sätzen wie „Jetzt erst recht“, „Das kann ich jetzt nicht mehr abbrechen“ oder „Was sollen denn die anderen denken“ sprichst, geht es nicht mehr um die Sache, sondern um dein Bild von dir. Ein zweiter Test: Beschreibe einer fremden Person die Lage neutral, ohne deine Vorgeschichte, und beobachte, wie du dich beim Erzählen fühlst. Wenn du dich beim Erklären ertappst, dass du dich rechtfertigst statt zu beschreiben, lohnt sich eine ehrliche Pause.

Wie entscheide ich, wenn ich unter Zeitdruck stehe?

Bei echtem Zeitdruck hilft es, die Entscheidung auf drei Fragen zu reduzieren: Was ist der schlechteste realistische Ausgang, und könnte ich damit leben? Ist die Entscheidung umkehrbar oder endgültig? Und was würde ich einer Freundin in genau dieser Lage raten? Umkehrbare Entscheidungen darfst du schnell treffen, endgültige verdienen mindestens eine Nacht Abstand – und wenn dich die Grübelei über Wochen nicht schlafen lässt, ist ein Gespräch mit einer Beratungsstelle oder einer Fachperson kein Umweg, sondern der kürzere Weg.

Über die Autorin

Isabella Wolf

Isabella Wolf schreibt über Arbeit, Selbstvertrauen und die kleinen Rituale, die das moderne Leben im Zaum halten. Sie verbindet praktische Karrieretipps mit einer Vorliebe für Astrologie, Intuition und alles, was Leserinnen hilft, sich am Montagmorgen wieder wie sie selbst zu fühlen.

Nur auf Bienvibe

Original

Passende Artikel

„Nie wieder“ – und dann doch: Warum es Stärke ist, eine Entscheidung zu revidieren — Geld & Beruf

„Nie wieder“ – und dann doch: Warum es Stärke ist, eine Entscheidung zu revidieren

Gerade wird viel darüber gesprochen, dass Menschen ihren angekündigten Rückzug wieder zurücknehmen. Ein Plädoyer dafür, sich nicht an eigenen alten Sätzen festzuhalten – mit konkreten Prüffragen.

Isabella Wolf
Der letzte Arbeitstag kommt früher als gedacht: Wie du den Übergang wirklich vorbereitest — Geld & Beruf

Der letzte Arbeitstag kommt früher als gedacht: Wie du den Übergang wirklich vorbereitest

Über Rentenmodelle wird gerade viel diskutiert. Was dabei selten vorkommt: die Frage, wie ein Leben aussieht, in dem plötzlich niemand mehr etwas von dir will.

Isabella Wolf
Wenn im Unternehmen gespart wird: Der ruhige Plan für die Wochen der Unsicherheit — Geld & Beruf

Wenn im Unternehmen gespart wird: Der ruhige Plan für die Wochen der Unsicherheit

Sparprogramme, Umstrukturierung, Gerüchte in der Teeküche: Nachrichten über Stellenabbau treffen viele gerade sehr direkt. Was du in dieser Phase tun kannst – und was du besser lässt.

Isabella Wolf
Nicht deine Kleidung fällt zuerst auf – das bemerken andere Menschen wirklich als Erstes — Lebensstil

Nicht deine Kleidung fällt zuerst auf – das bemerken andere Menschen wirklich als Erstes

Wir dachten lange, das richtige Outfit entscheide alles. Doch die Forschung sagt etwas anderes – und das, was andere zuerst an dir wahrnehmen, überrascht viele.

Farkas Margaréta
Je mehr du scheiterst, desto erfolgreicher kannst du werden – aber nicht so, wie du denkst — Lebensstil

Je mehr du scheiterst, desto erfolgreicher kannst du werden – aber nicht so, wie du denkst

Misserfolge sind keine persönlichen Niederlagen – sie können das stärkste Werkzeug für deine Entwicklung sein. Das Geheimnis liegt darin, wie du damit umgehst.

Nyul Debóra
Meine besten Entscheidungen traf ich, als alle mir davon abrieten — Lebensstil

Meine besten Entscheidungen traf ich, als alle mir davon abrieten

Genau die Entscheidungen, für die ich heute am dankbarsten bin, hatten eines gemeinsam: Jemand wollte mich davon abbringen. Warum das kein Zufall ist.

Schuster Borka