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„Die meisten meiner Kollegen gehen selbst zur Therapie." – Was dein Therapeut weiß, aber nicht erzählt

Angela Fischer3 Min. Lesezeit
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„Die meisten meiner Kollegen gehen selbst zur Therapie." – Was dein Therapeut weiß, aber nicht erzählt — Lebensstil
In diesem Artikel

Perfektion

Kürzlich saß eine Patientin weinend in meinem Büro. Sie erzählte, sie habe das Gefühl, alle um sie herum hätten ihr Leben im Griff, während sie selbst zerbricht. Dann entschuldigte sie sich fürs Weinen. Und dann nochmal, weil sie sich fürs Weinen entschuldigt hatte. Am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass ich heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit im Auto geweint habe, weil ich mir Sorgen um die psychische Gesundheit meines älteren Kindes mache – obwohl ich Psychologin bin. Vielleicht hätte ihr das gutgetan. Aber ich konnte es nicht sagen: Das ist eine Grenze, die ich nicht überschreiten darf. Professionelle Distanz ist für uns beide wichtig.

Im Schweigen verborgen

Ich merke sofort, wenn meine Patienten mir etwas verheimlichen oder nicht ganz ehrlich sind. Trotzdem sage ich nicht: „Lass das Schauspiel“, denn manche brauchen einfach Zeit, um sich zu öffnen.

Klient liegt auf der Couch beim Psychologen

Muster

Wir erkennen Verhaltensmuster, die anderen verborgen bleiben. Zum Beispiel, dass diejenigen, die sich am meisten rechtfertigen, oft am wenigsten Grund dazu haben. Oder dass die stärksten und stabilsten Menschen oft innerlich nur an einem seidenen Faden hängen. Doch niemand sieht es, weil sie als besonders tough gelten. Dabei sind sie oft am nächsten am Zerbrechen.

Ein Beispiel

Ich kann meiner Patientin nicht einfach sagen, sie soll ihren missbräuchlichen Mann verlassen, wenn ich weiß, dass sie dazu noch nicht bereit ist. Wenn ich sie dränge, bleibt sie vielleicht bei ihm – aber kommt nicht mehr zu mir. Oder ich kann dem ewigen Opfer nicht sagen, sie solle nicht so selbstlos sein, weil ihre Retterrolle für sie so wichtig ist, dass sie sie nicht aufgeben kann.

Die Zauberworte

Oft sage ich die Diagnose nicht, weil manche Menschen dazu neigen, ihre ganze Identität darauf aufzubauen. Nur weil du mit 21 depressiv warst, heißt das nicht, dass das auch mit 35 noch dein Problem ist. Und es gibt Menschen, die alle ihre Fehler, Schwächen und Unsicherheiten darauf zurückführen, dass sie z. B. ängstlich, bipolar oder borderline sind.

Frau weint beim Psychologen

Zweifel

Woran denke ich, wenn jemand vor mir sitzt? Manchmal bewundere ich ehrlich seinen Mut, seine Ausdauer oder seinen Optimismus. Manchmal überlege ich, was ich über diese Situation gelernt habe – in der mein Patient steckt – und welche Therapie am besten passt. Und oft sorge ich mich, ob das, was ich gesagt habe, ihm überhaupt geholfen hat.

Der Durchbruch

Ein Patient ist kein Auto, das der Therapeut repariert. Therapie funktioniert nicht wie im Film, wo plötzlich ein großer Durchbruch kommt, alle Antworten da sind und alles gut wird. Erfolg entsteht hier in kleinen Schritten. Der Patient heilt sich selbst, und ich begleite ihn dabei.

Der Olymp

Manchmal finde ich den Mythos um „die Psychologen" ziemlich lächerlich. Manche Patienten sehen uns als vollkommen ausgeglichene Götter auf dem Olymp. Als hätten wir durch unsere Ausbildung eine mentale Erleuchtung erreicht, die nichts erschüttern kann. Dabei sind wir keine Gurus oder Heilige – die meisten meiner Kollegen gehen selbst zur Therapie. Viele von uns kämpfen mit denselben Problemen wie unsere Patienten. Unsere Beziehungen sind nicht perfekt, wir haben Ängste und kämpfen mit unseren Gefühlen, genau wie alle anderen.

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