So schenke ich dem Kind in mir das Fest, das es nie haben konnte.
Ich weiß, manche finden es peinlich, schon im November Weihnachtsdeko aufzuhängen. Die denken, ein intelligenter Mensch runzelt die Stirn über die zuckerstangenfarbenen Laden-Dekorationen und dass jeder mit ein bisschen Geschmack spätestens beim ersten Ton von All I Want for Christmas einen Nervenzusammenbruch bekommt. Und ehrlich? Lange Zeit dachte ich genauso, wenn mich jemand fragte.
Eigentlich sehe ich mich als leicht sarkastischen, trockenen Humor-Typ – so kennen mich auch meine Freunde – und irgendwie hatte ich auch bei Weihnachten diese Haltung übernommen. Als wäre das erwartet. Über Schneeflockentassen die Nase rümpfen, künstlichen Weihnachtsbaum verächtlich anschauen und so gucken, als wäre es eine persönliche Beleidigung, wenn jemand Anfang November Lichterketten am Balkon anbringt.
Dieses Jahr hat sich aber etwas verändert. An einem wichtigen Punkt meiner Selbstreflexion wurde mir klar, dass diese zynische Haltung eigentlich nie meine war. Dass ich mein Leben lang nur so getan habe, als wäre Weihnachten „kitschig“, „zu viel“ und „geschmacklos“.
Dass ich mich immer danach gesehnt habe, dass das Fest schon im November beginnt.
Überall soll Deko hängen, und die Wohnung soll aussehen, als wäre eine Weihnachtsmann-Fabrik explodiert. Ich will die kitschigsten Weihnachtslieder in Endlosschleife hören und aus jedem Wasserhahn sollen Wunderkerzen sprudeln.
Nein, ich bin nicht auf den kapitalistischen Weihnachtszug aufgesprungen, und mein Geschmack hat sich auch nicht plötzlich verschoben. Ich habe erkannt: Ich will dem Kind in mir etwas geben, das es nie bekommen hat.
Als Kind war Weihnachten nicht magisch. Nicht wegen fehlender Deko oder Geldmangel – klar, wir waren nicht reich, aber das Fest hätte trotzdem besonders sein können. Sondern weil ich in einem Zuhause aufwuchs, wo es keiner besonderen Ausrede bedurfte, um Bierflaschen hervorzuholen. Die Familienbesuche zu Weihnachten bedeuteten fast immer, dass mein Vater betrunken war und die „Stille Nacht“ eher von Spannung als von Frieden erfüllt war. Die bescheidenen Geschenke lagen oft schon am nächsten Tag kaputt auf dem Küchenboden. Und ich wünschte mir jedes Jahr dasselbe: dass die Winterferien endlich vorbei sind und ich wieder zur Schule kann, weil ich dort wenigstens sicher bin.
Meine Kindheitsweihnachten wurden mir einfach gestohlen.
Jetzt bin ich der Erwachsene. Ich passe auf das Kind in mir auf, das damals auf niemanden zählen konnte. Und dieses Jahr schenke ich ihm alles, was es damals nicht bekam: das kitschigste, süßeste, glücklichste Weihnachten, das sich über Monate erstrecken darf.
Ja, dieses Jahr will ich jede Deko. Alle schrägen Weihnachtslieder, und die Wohnung wird voller leuchtender Rentiere sein, und ich werde Schneeflocken an die Fenster pusten. Weil ich dieses kleine Kind für das entschädigen will, was ihm damals genommen wurde.
Ich glaube nicht, dass Weihnachten nur um Äußerlichkeiten geht. Ich denke nicht, dass der Kern des Festes in blinkenden Lichterketten oder duftenden Kerzen liegt. Aber ich glaube, dass dieser Prozess Teil meiner Heilung ist. Wenn ich dem Kind, das die Wunder verpasst hat, jetzt den Winterzauber schenke, wird es vielleicht irgendwann glauben, dass Weihnachten schön sein kann. Und dann kann es auch die Ruhe und das In-sich-Gehen schätzen.
Jetzt tröste ich es noch. Ich urteile nicht, ich schäme es nicht dafür, dass es sich nach etwas sehnt, das andere „kitschig“ finden. Ich gebe ihm einfach, was es braucht. Weil es das verdient.
Und dir, der du das hier liest, empfehle ich: Wenn dein Kollege das nächste Mal heiße Schokolade aus seiner Nikolaustasse im Weihnachts-Pullover trinkt, roll nicht mit den Augen. Vielleicht sitzt da gar nicht dein Kollege, sondern ein kleines Kind, dessen Weihnachtswünsche zum ersten Mal wahr werden.











