Ich gebe es zu: Als ich zum ersten Mal davon hörte, musste ich schmunzeln. Schreien als Therapie, ganz bewusst, unter kontrollierten Bedingungen, in einer Gruppe und richtig laut. Das klingt im ersten Moment absurd. Aber dann kam diese eine besonders harte Woche, in der schon das Atmen wie eine Anstrengung wirkte – und ich beschloss, es einfach auszuprobieren.
Ich habe es nicht bereut. Und was während der Sitzung passierte, hätte ich so nicht erwartet.
Was ist Schreitherapie überhaupt?
Die Schreitherapie ist keine neue Erfindung. Ihre Wurzeln reichen bis in die 1970er-Jahre zurück, als der Psychologe Arthur Janov das Prinzip der sogenannten Primärtherapie entwickelte. Der Grundgedanke ist einfach: Im Körper gespeicherte, nie ausgedrückte Gefühle – etwa Wut, Trauer oder Angst – lagern sich als körperliche Anspannung ab.
Der Schrei ist eine Möglichkeit, diese Gefühle in ihrer ursprünglichsten, urtümlichsten Form herauszulassen.
Die moderne Variante ist heute deutlich strukturierter und weniger dramatisch als die ursprüngliche Idee. Es geht nicht darum, dass jemand zusammenbricht und auf dem Boden schreit. Vielmehr handelt es sich um eine bewusste, angeleitete Atem- und Lautübung, deren Ziel es ist, das Nervensystem zu beruhigen.
So lief meine eigene Erfahrung ab
Ich nahm an einer kleinen Gruppensitzung teil, in der uns die Leiterin – sie arbeitet mit körperzentrierter Therapie – Schritt für Schritt in den Prozess einführte. Zuerst machten wir nur Atemübungen, dann gaben wir Laute von uns – und schließlich, ja, schrien wir. Mithilfe eines Kissens, um die Nachbarn nicht zu erschrecken.
Die ersten Minuten waren peinlich. Sehr sogar. Ich bin es nicht gewohnt, Gefühle laut auszudrücken, und dass wir das in einer Gruppe taten, machte es nicht leichter. Doch dann setzte etwas ein. Auf einmal spürte ich, wie sich etwas, das mir seit Wochen die Brust zugeschnürt hatte, ein kleines bisschen löste.
Danach fühlte ich mich seltsam leicht. Meine Probleme waren nicht gelöst, aber sie schienen für einen Moment ein Stück weiter weg zu sein.
Was sagt die Wissenschaft dazu?
Aus Sicht des Nervensystems ergibt das durchaus Sinn. Die laute Ausatmung – sei es ein Schrei, Lachen oder Weinen – aktiviert den Parasympathikus, der für Ruhe und Verdauung zuständig ist. Er ist das Gegenteil der Stressreaktion und hilft dem Körper, wieder in den Ruhezustand zu schalten.
Hinzu kommt: Ein Schrei fordert auch den Körper. Zwerchfell, Bauch und Kehle arbeiten gleichzeitig. Es ist eine Art körperliches Ventil, nach dem die Anspannung tatsächlich nachlässt – und nicht nur in der Vorstellung.
Für wen ist es geeignet – und für wen nicht?
Die Schreitherapie ist nicht für jeden geeignet, und das gehört ehrlich gesagt. Wer mit Atemproblemen oder Bluthochdruck zu kämpfen hat oder an der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse arbeitet, sollte auf jeden Fall zuerst mit einer Fachperson sprechen.
Für all jene aber, die schlicht überlastet und angespannt sind und spüren, dass etwas in ihnen feststeckt, kann sie in einem erprobten, sicheren Rahmen durchaus hilfreich sein. Sie ersetzt keine Therapie und löst für sich allein nichts. Aber sie kann einen Moment schenken, in dem der Körper endlich das tun darf, wonach er sich sehnt: herauszulassen, was in ihm steckte.
Ich hätte nicht gedacht, dass ein Kissen und ein paar Schreie so viel geben können. Aber mein Nervensystem wusste, was es brauchte – ich musste es ihm nur erlauben.
Nach der ganzen Erfahrung wurde mir klar, wie selten ich mir selbst die Erlaubnis gebe, dem eine Stimme zu geben, was ich fühle. Ich meine nicht nur das Schreien, sondern ganz allgemein. Auszusprechen, wenn es zu viel wird. Zu zeigen, wenn ich müde bin. Den Tag nicht immer mit zusammengebissenen Zähnen durchzustehen.
Die Schreitherapie war für mich keine Wundermethode, sondern eine Erinnerung. Daran, dass der Körper etwas weiß, was der Verstand manchmal vergisst. Dass man manchmal nicht denken, sondern einfach fühlen sollte. Und wenn es dafür ein Kissen und einen richtig lauten Schrei braucht, dann sei es eben so.
Ist Schreitherapie wissenschaftlich fundiert?
Aus Sicht des Nervensystems ist die Idee nachvollziehbar: Eine laute Ausatmung aktiviert den Parasympathikus, der für Ruhe und Erholung zuständig ist, und hilft dem Körper, aus dem Stressmodus herauszukommen.
Ersetzt die Schreitherapie eine Psychotherapie?
Nein. Wie im Artikel betont, ersetzt sie keine Therapie und löst für sich allein keine Probleme. Sie kann aber ein Ventil sein, um aufgestaute Anspannung loszulassen.
Für wen ist die Schreitherapie nicht geeignet?
Wer mit Atemproblemen oder Bluthochdruck zu kämpfen hat oder traumatische Erlebnisse verarbeitet, sollte vorher unbedingt mit einer Fachperson sprechen.
Was hat mir die Erfahrung persönlich gebracht?
Für mich war sie keine Wundermethode, sondern eine Erinnerung daran, meinen Gefühlen öfter eine Stimme zu geben – und ab und zu einfach zu fühlen, statt nur zu denken.











