Es gibt einen Satz, den ich in meinem Leben schon oft gesagt habe: „Danke, ich esse jetzt nichts davon.“ Und fast immer folgte die nächste Frage. Oder eher ein Verhör. Warum nicht? Bist du allergisch? Sicher? Nicht einmal ein bisschen? Ach komm, da ist doch kaum was drin! Das essen doch alle! Nein, nicht alle. Und nein, es ist nicht immer nur "ein Trend".
Ich bin gluten- und milcheiweißsensitiv und muss wegen weiterer Unverträglichkeiten einige Zutaten meiden. Das ist kein Trend, keine Laune, keine „Erfindung“. Es gehört zu meinem Alltag. Und was vielleicht noch wichtiger ist: ich schulde niemandem eine Erklärung dafür, was auf meinem Teller liegt oder nicht.
Essen als logistische Herausforderung
Für viele ist Essen Freude, Entspannung, Gemeinschaftserlebnis. Obwohl ich Essen liebe und es eines meiner liebsten Hobbys ist, gastronomische Erlebnisse zu sammeln, übernimmt seit ich diätetisch eingeschränkt bin oft die Organisation die Hauptrolle. Wenn wir eingeladen sind, kläre ich vorher ab oder bereite selbst etwas vor. Auf Reisen kaufe ich ein, plane und rechne. Wo gibt es einen Laden? Was kann ich mitnehmen? Was ist sicher essbar?
Das mag von außen klein wirken. Von innen ist es ständige Wachsamkeit. Keine Dramatik, kein Jammern – einfach Fakt. Essen ist für mich keine spontane Entscheidung, sondern Verantwortung. Und ja, das kann anstrengend sein. Vor allem, wenn ich mich dafür auch noch rechtfertigen muss.

Restaurant: Erlebnis oder russisches Roulette?
Viele denken, ich hätte es heute leicht: Die Städte sind voll mit glutenfreien Optionen, und auf jeder Speisekarte sind Allergene gekennzeichnet. Die Realität ist jedoch komplexer.
Einerseits gibt es immer noch viele Orte, an denen Allergene gar nicht auf der Karte stehen, oder wenn doch, wissen die Kellner oft nicht, worum es geht, was sie den Köchen fragen sollen, damit ich entscheiden kann, was ich essen kann – falls überhaupt etwas.
Wenn wenigstens die nette, aufmerksame Haltung und Hilfsbereitschaft da ist, gelingt es meist, ein gegrilltes Hähnchen mit Reis und ein bisschen Gemüse so zu bestellen, dass ich sicher nichts vertrage, was mir schadet. Und damit bin ich dann auch zufrieden.

Natürlich könnte man sagen, dass Menschen mit Glutenunverträglichkeit nur garantiert glutenfreie Restaurants besuchen sollten (in Budapest meist einfach, auf dem Land oft schwieriger), aber auch das ist keine sichere Lösung für alle.
Selbst in einem 100 % glutenfreien Restaurant wurde mein Essen schon anders zubereitet als auf der Karte angegeben.
Obwohl ich dort schon mehrfach dasselbe bestellt hatte und immer wieder nach den Zutaten fragte: Einmal wurde pflanzlicher Käse durch laktosefreien Käse ersetzt, was bei mir Probleme verursacht.
Das ist der Moment, in dem man das Gefühl von Sicherheit verliert. Wenn Essen – ein Grundbedürfnis – zum Risiko wird. Und wenn das jemand auf die leichte Schulter nimmt, ist das keine Kleinigkeit. Das ist gefährlich.
Natürlich hört man auch oft: „Dann koche dir doch selbst zu Hause“ (das mache ich meistens auch). Aber ich finde, in unserer heutigen Welt sollte es kein großer Wunsch sein, wenigstens in einem garantiert glutenfreien und allergenbewussten Restaurant ein einfaches, sicheres Gericht zu bekommen.
„Ach, ein Krümel schadet doch nicht“
Das ist wohl einer der schmerzhaftesten Sätze. Dahinter steckt das Urteil: Du übertreibst. Du bist zickig. Das machst du sicher nur aus Modegründen.
Dabei steht bei vielen Menschen wirklich ihre Gesundheit auf dem Spiel. Körperliche Symptome, tagelange Beschwerden, Schmerzen, Erschöpfung. Das sieht man nicht sofort, es ist nicht laut oder auffällig, aber es ist real. Und selbst wenn ein Erwachsener aus freien Stücken eine Diät macht, hat er das Recht dazu.
Bei Einladungen: Rechtfertigungen
Ich saß schon oft an Tischen, an denen ich mich erklären musste. Warum ich das nicht esse. Warum ich das nicht probiere. Warum ich mein eigenes Essen mitgebracht habe (obwohl ich das vorher angekündigt und betont hatte, dass niemand extra für mich kochen muss). Warum ich „wählerisch“ bin.
Manchmal wusste ich schon im ersten Moment, dass das Gericht auf dem Tisch nicht gut für mich sein würde. Trotzdem versuchte man immer wieder, mich zu überzeugen. Als wäre Höflichkeit, die eigenen Körpersignale zu ignorieren. Für mich ist wahre Höflichkeit Akzeptanz.
Fehlende Akzeptanz betrifft mehr als nur Unverträglichkeiten
Ich spreche nicht nur über Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Sondern auch darüber, wie wir generell auf die Teller anderer schauen.
Wenn ein Erwachsener einen Burger oder eine Pizza isst, kommt oft gleich der Kommentar: Warum hat er nicht selbst gekocht? Warum isst er das? Wie ungesund das ist. Wenn jemand seinen Teller mit Gemüse füllt, heißt es, er „isst Gras“. Wenn er mal eine Tüte Chips isst, wird schief geschaut. Als wären wir ständig auf Prüfung. Als wäre das Essen eine moralische Frage.

Nicht perfekt, sondern bewusst
Ich glaube daran, dass jeder eine Ernährung anstreben sollte, die ausgewogen, nachhaltig und gesund für ihn ist. Aber ich weiß auch, dass das nicht einfach ist. Lebenssituationen, finanzielle Möglichkeiten, Zeit, mentale Verfassung – all das zählt.
Gesund ist nicht für alle dasselbe. Und nicht jeder kann dasselbe umsetzen.

Weniger Aufdrängen, mehr Empathie
Wir sollten niemandem Essen aufzwingen. Wir sollten nicht beleidigt sein, wenn jemand ablehnt. Und niemanden verletzen, weil er anders isst oder nicht isst.
Es wird Zeit, zu akzeptieren, dass unser Teller persönlicher Raum ist. Und dass wir niemandem für jeden Bissen eine Erklärung schuldig sind. Ich will mich nicht mehr für mein Essen rechtfertigen. Und ich glaube fest, dass niemand von uns das sollte.











