Es ist ein Satz, den Mütter und Väter höchstens spätabends sagen, halb im Flüsterton, und meist sofort mit einer Entschuldigung hinterher: Mit dem einen Kind ist es leichter. Die Gespräche fließen, die Stimmung passt, man muss sich nicht anstrengen. Beim anderen sind die Kanten spürbar, jede zweite Bitte wird zur Verhandlung, und man geht abends mit einem Ziehen im Bauch ins Bett. Wer das erlebt, hält sich oft für einen schlechten Menschen. Dabei beschreibt der Satz gar nicht, wie viel Liebe da ist – sondern wie leicht sie fließt.
Warum Nähe nicht bei allen Kindern gleich mühelos ist
Zwischen Menschen entsteht Passung oder eben nicht, und Kinder sind Menschen. Ein ruhiges Kind mit einem ruhigen Elternteil versteht sich oft ohne Worte. Ein temperamentvolles Kind mit einem Elternteil, der Lautstärke schwer aushält, muss sich täglich neu aufeinander einschwingen. Dazu kommen Umstände, die mit dem Kind selbst nichts zu tun haben: In welcher Lebensphase wurde es geboren? Gab es damals Erschöpfung, eine Krise, eine schwierige Zeit in der Partnerschaft? Kinder, die in unruhigen Jahren klein waren, tragen manchmal die Färbung dieser Jahre mit sich, ohne etwas dafür zu können.
Und es gibt den unangenehmsten Grund von allen: Manchmal erinnert uns ein Kind an etwas, das wir an uns selbst nicht mögen. Die Ungeduld, die Sturheit, das Bedürftige. Wer das bei sich bemerkt, hat schon den halben Weg gemacht – denn dieses Gefühl gehört nicht dem Kind, sondern der eigenen Geschichte.
Was Kinder tatsächlich mitbekommen
Kinder zählen nicht Geschenke, sie zählen Blicke. Sie merken, wessen Erzählungen zu Ende gehört werden, wer bei Streit zuerst geglaubt wird, über wen mit Wärme in der Stimme gesprochen wird, wenn Gäste da sind. Genau deshalb hilft es wenig, alles peinlich genau gleich zu verteilen. Gerechtigkeit unter Geschwistern heißt nicht Gleichheit, sondern: Jedes Kind bekommt, was es braucht – und keines muss um Aufmerksamkeit kämpfen.
Kritisch wird es, wenn Rollen festwachsen. Das Kind, das immer vernünftig ist, das Kind, das immer Ärger macht, das Kind, das immer vermittelt. Diese Etiketten kleben, und wenn sie am Familientisch immer wieder aufgesagt werden, glaubt das Kind sie irgendwann selbst. Wer eine solche Rolle bei sich zu Hause entdeckt, kann sie aktiv aufbrechen – indem er das „schwierige" Kind ausdrücklich für Rücksicht lobt und dem „vernünftigen" erlaubt, mal unvernünftig zu sein.
Was im Alltag wirklich hilft
Das wirksamste Mittel ist unspektakulär: Einzelzeit. Zwanzig Minuten allein, ohne Geschwister, ohne Handy, mit dem Kind bestimmt, was gemacht wird. Bei dem Kind, mit dem es schwerer ist, sollte diese Zeit fest im Kalender stehen, weil sie sonst nie von selbst entsteht. Nähe entsteht nicht aus gutem Willen, sondern aus gemeinsamen Minuten ohne Konfliktthema.
Zweitens: die Sprache prüfen. Wie oft sagst du zu welchem Kind etwas Nettes, das nichts mit Leistung zu tun hat? Ein „Schön, dass du da bist" wiegt mehr als ein „Toll gemacht". Drittens: nachträglich reparieren. Wenn ein Abend eskaliert ist, hilft ein Satz am nächsten Morgen: „Gestern bin ich zu laut geworden. Das lag nicht an dir." Kinder brauchen keine fehlerfreien Eltern, sie brauchen Eltern, die zurückkommen.
Und wenn das Gefühl der Distanz dich dauerhaft belastet, wenn es dich beschämt oder du merkst, dass du ein Kind innerlich abschreibst: Sprich mit jemandem, der beruflich damit arbeitet – in einer Erziehungsberatungsstelle oder einer Therapie. Das ist kein Eingeständnis von Versagen, sondern die schnellste Abkürzung heraus aus einem Kreislauf, der sich sonst über Jahre einschleift.
Ist es normal, dass ich zu einem Kind einen leichteren Zugang habe?
Ja, das erleben sehr viele Eltern, sie sprechen nur selten darüber. Entscheidend ist nicht, ob du unterschiedlich leicht in Kontakt kommst, sondern ob jedes Kind verlässlich erlebt, dass es gewollt ist – und ob du bereit bist, dort bewusst mehr zu investieren, wo es dir schwerer fällt.
Was sage ich, wenn mein Kind fragt: Liebst du sie mehr?
Weich nicht in ein hastiges „Quatsch, natürlich nicht" aus, denn das beendet das Gespräch, ohne etwas zu klären. Besser ist eine ehrliche, ruhige Antwort und eine Rückfrage: dass du beide gleich liebst, dass du aber verstehen willst, wann genau dieses Gefühl bei ihm entstanden ist – und dann wirklich zuhören, ohne dich zu verteidigen.










