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„Mit einem meiner Kinder ist es einfach leichter“ – das Elterntabu, über das kaum jemand spricht

Margarete Wolf4 Min. Lesezeit
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„Mit einem meiner Kinder ist es einfach leichter“ – das Elterntabu, über das kaum jemand spricht — Familie
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Es ist ein Satz, den Mütter und Väter höchstens sehr spät abends sagen, meistens einer guten Freundin, meistens mit Schuld in der Stimme: Mit dem einen Kind ist es einfach leichter. Der Alltag fließt, man lacht über dieselben Dinge, man versteht sich ohne Erklärung. Beim anderen Kind ist jeder Tag ein bisschen Arbeit – mehr Reibung, mehr Missverständnisse, mehr Anstrengung, bis man abends müde feststellt, dass man wieder streng war. Und sofort kommt der Gedanke: Was für eine Mutter bin ich eigentlich?

Liebe und Leichtigkeit sind nicht dasselbe

Die wichtigste Unterscheidung zuerst, weil sie so viel Druck herausnimmt: Unterschiedlich viel Nähe bedeutet nicht unterschiedlich viel Liebe. Die meisten Eltern würden für jedes ihrer Kinder dasselbe tun, und das spüren Kinder auch. Was sich unterscheidet, ist die Passung – wie gut Temperamente, Rhythmen und Kommunikationsstile zusammengehen. Eine schnelle, gesprächige Mutter hat es mit einem schnellen, gesprächigen Kind mühelos und mit einem stillen, langsamen Kind schwerer. Das ist keine Charakterfrage, das ist Chemie.

Dazu kommen Lebensumstände, die nichts mit dem Kind zu tun haben. Ein Baby, das in eine erschöpfte, überforderte Phase hineingeboren wurde, startet anders als ein Kind, dessen erste Jahre ruhig waren. Und manchmal spiegelt uns ein Kind etwas, das wir an uns selbst nicht mögen – die Ungeduld, den Trotz, die Empfindlichkeit. Dann reagieren wir schärfer, als das Verhalten es verdient hätte.

Was Kinder wirklich mitbekommen

Kinder registrieren Ungleichgewicht früh und sehr genau, aber sie zählen nicht Geschenke oder Minuten. Sie achten auf Ton, Blick und Reaktionszeit: Wer wird unterbrochen? Wem wird geglaubt, wenn zwei Versionen im Raum stehen? Über wen wird liebevoll erzählt, wenn Gäste da sind, und über wen mit einem Seufzer? Der Satz „Sie ist eben unsere Komplizierte“ ist am Küchentisch harmlos gemeint und wird im Kinderzimmer zur Identität.

Gefährlich sind vor allem feste Rollen: die Vernünftige, der Sorgenmacher, die Lustige, der Faule. Rollen erleichtern den Familienalltag und verengen gleichzeitig das Leben eines Menschen um mehrere Nummern. Wer bemerkt, dass ein Kind immer im selben Fach steckt, kann anfangen, es aktiv falsch einzusortieren: das „unordentliche“ Kind loben, wenn es etwas organisiert hat; dem „starken“ Kind sagen, dass es auch traurig sein darf.

Nähe lässt sich herstellen – in kleinen Portionen

Die gute Nachricht: Beziehung entsteht durch gemeinsame Zeit ohne Erziehungsauftrag. Zwanzig Minuten in der Woche, in denen du mit dem Kind, zu dem der Draht schwerer ist, etwas tust, das es liebt – und nur das. Kein Vokabeltest nebenbei, keine Zimmerfrage, kein pädagogisches Gespräch. Beim gemeinsamen Tun reden Kinder von selbst, oft zum ersten Mal seit Wochen wieder freiwillig.

Hilfreich sind außerdem drei Gewohnheiten. Erstens: Vergleiche aus der Sprache streichen, auch die positiv gemeinten. „Dein Bruder schafft das doch auch“ hat noch nie jemanden motiviert. Zweitens: dieselbe Frage allen Kindern stellen, statt beim einen automatisch nach der Note und beim anderen nach dem Gefühl zu fragen. Drittens: Reparatur üben. Wer nach einem ungerechten Ausbruch zurückkommt und sagt, das war zu viel, es lag nicht an dir, gibt dem Kind mehr Sicherheit als jede fehlerfreie Woche.

Und noch etwas: Sprich mit deinem Partner oder deiner Partnerin darüber, ehrlich und ohne Anklage. Oft stellt sich heraus, dass die Lieblingskonstellationen über Kreuz laufen – und dass sich der Alltag mit ein paar Tauschmanövern erstaunlich leicht ausgleichen lässt.

Ist es normal, dass ich zu einem Kind einen leichteren Draht habe?

Ja, das ist verbreitet und sagt nichts über den Wert deiner Elternschaft aus. Menschen passen unterschiedlich gut zueinander, und das gilt in Familien genauso wie überall sonst. Problematisch wird es erst, wenn aus unterschiedlicher Passung dauerhaft unterschiedliche Behandlung wird – wenn ein Kind regelmäßig weniger Geduld, weniger Vertrauen und weniger freundliche Aufmerksamkeit bekommt. Genau da lohnt es sich, bewusst gegenzusteuern, statt sich für das Gefühl zu schämen.

Woran merke ich, dass mein Kind sich benachteiligt fühlt?

Typische Hinweise sind Sätze wie „Bei ihr sagst du nie was“, aber häufiger zeigt es sich indirekt: Ein Kind zieht sich zurück, wird auffällig brav oder provoziert gezielt, weil negative Aufmerksamkeit immer noch Aufmerksamkeit ist. Frag ruhig direkt und ohne Verteidigung – „Hast du manchmal das Gefühl, dass ich ungerecht bin?“ – und höre die Antwort aus, auch wenn sie wehtut. Wenn das Ungleichgewicht die Familie über längere Zeit belastet oder aus der eigenen Kindheit stammt, kann eine Familienberatungsstelle ein sehr entlastender Ort sein.

Über die Autorin

Margarete Wolf

Margarete Wolf schreibt über Beziehungen, Familie und die stille emotionale Wetterlage, die beides prägt. Sie interessiert sich für das, was andere auslassen — die Schwiegereltern, den Hund, die Freundschaft, die in den Dreißigern komisch wurde — und nimmt es genauso ernst wie die großen Themen.

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