Meinungsartikel von Barbara Weber
Ich bin die Person, die eine verschickte Nachricht fünfmal nachliest. Die hinter einem beiläufigen Halbsatz eine versteckte Bedeutung sucht. Die nach einem unangenehmen Gespräch noch tagelang analysiert, was sie hätte anders sagen können. Lange dachte ich: Das bin einfach ich. So bin ich halt.
Ich habe versucht, „einfach nicht mehr so viel nachzudenken" – ungefähr so erfolgreich, wie jemandem mit Schlaflosigkeit zu sagen, er solle doch einfach einschlafen.
Dann, in der Therapie, habe ich etwas verstanden, das alles verändert hat.
Ich grübele nicht, weil ich das Chaos liebe. Ich grübele, weil ich es nicht ertrage. Mein Overthinking ist keine Charakterschwäche – es ist Sicherheitssuche.
Wer als Kind in einem Umfeld aufgewachsen ist, das von Unberechenbarkeit, emotionaler Unsicherheit oder ständiger Anspannung geprägt war, lernt früh, die Welt genau zu beobachten. Signale zu lesen. Vorauszuahnen, was als Nächstes passiert. Das ist eine clevere Überlebensstrategie – damals.
Wenn das Nervensystem nicht mitgewachsen ist
Das Problem: Körper und Nervensystem bekommen oft nicht mit, dass seitdem zwanzig oder dreißig Jahre vergangen sind. Also machen wir als Erwachsene dasselbe weiter: beobachten, analysieren, uns auf alle Eventualitäten vorbereiten.
Immer gibt es noch ein Szenario, das durchgespielt werden muss. Noch eine mögliche Gefahr, die es zu erkennen gilt. Noch eine Enttäuschung, auf die man sich gefasst machen sollte.
Unser Gehirn glaubt, es schützt uns damit: Wenn ich mir das Schlimmste vorher vorstelle, kann es mich nicht kalt erwischen. Wenn ich alle möglichen Probleme durchdenke, bin ich nicht hilflos. Wenn ich mich genug vorbereite, bin ich sicher.
Nur: Das Leben ist keine Prüfung. Es gibt keine perfekte Vorbereitung.
Es wird immer Situationen geben, die wir nicht vorhergesehen haben. Menschen, die uns überraschen. Verluste, Veränderungen, Wendungen – die sich schlicht nicht im Voraus berechnen lassen.
Grübeln hat kein Ende
Und doch bietet das Overthinking die Illusion, dass wir die Zukunft kontrollieren können, wenn wir nur lange genug nachdenken. Diese Illusion ist verlockend. Aber sie ist auch unglaublich erschöpfend.
Denn Denken hat keinen natürlichen Endpunkt. Es lässt sich immer noch eine weitere Katastrophe finden. Overthinking reduziert Angst deshalb nicht – es hält sie am Leben.
Es ist, als würde jemand in einem Gebäude ständig nach den Notausgängen suchen und dabei nie bemerken, dass er längst in Sicherheit ist.
Die wichtigste Erkenntnis für mich war: Echte Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass ich auf alles vorbereitet bin. Sie entsteht dadurch, dass ich mir selbst vertraue.
Dass ich glaube: Was auch immer passiert – ich werde damit umgehen können. Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Aber es ist eine völlig andere Haltung.
Overthinking sagt: „Finde im Voraus alle möglichen Probleme!" Vertrauen sagt: „Du kannst nicht alles vorhersehen – aber du wirst damit umgehen, wenn es kommt."
Das eine will die Zukunft kontrollieren. Das andere vertraut der eigenen Widerstandskraft.
Ich suche nur nach Sicherheit
In den letzten Jahren habe ich langsam gelernt, dass mein Sicherheitsgefühl nicht durch perfekte Planung wächst. Sondern durch Erfahrungen, die mir beweisen: Ich habe schon viele schwierige Situationen überstanden.
Es gab Enttäuschungen, vor denen ich Angst hatte. Verluste, die ich mir nicht vorstellen konnte. Phasen, in denen ich dachte, ich werde das nicht schaffen. Und trotzdem bin ich hier. Irgendwie gab es immer einen nächsten Schritt.
Heute, wenn ich merke, dass ich seit Stunden dasselbe Problem im Kopf wälze, versuche ich, mir eine Frage zu stellen: Suche ich gerade wirklich nach einer Lösung – oder nur nach Sicherheit?
Denn beides ist nicht dasselbe. Und immer öfter komme ich zu dem Schluss, dass ich nicht noch mehr Nachdenken brauche.
Sondern die Erinnerung daran: Sicherheit entsteht nicht daraus, dass ich alles im Voraus weiß. Sondern daraus, dass ich mir glaube – was auch kommt, ich werde ihm begegnen können.











