Lange Zeit empfand ich das Wort „Ego“ fast wie ein Schimpfwort. Schon als Kind wurde mir beigebracht, nicht eingebildet zu sein, nicht zu prahlen und nicht zu denken, ich sei besser als andere.
Deshalb bin ich bei meinen Erfolgen oft lieber zwei Schritte zurückgegangen. Ich hatte Angst, als arrogant zu gelten, und drehte mich bewusst leiser, wie ein Radio, bei dem man die Lautstärke reduziert. Ich bin mir sicher, viele von euch kennen das Gefühl: Wie oft hast du nicht erzählt, worauf du stolz bist, nur weil du Angst hattest, in den Augen anderer „zu viel“ zu sein?
Was ist ein gesundes Ego und warum ist es kein Feind?
Psychologen sehen das Ego als unseren inneren Kompass, der uns hilft, zwischen unseren Wünschen, unserem Gewissen und den Erwartungen der Außenwelt zu navigieren. Wenn du darüber nachdenkst, ist das eine unglaublich wichtige Fähigkeit im Alltag: Wenn du zum Beispiel eine anstrengende Verabredung absagst, weil du lieber Ruhe brauchst, schützt dein Ego deine Grenzen. Wenn du mutig eine Idee bei der Arbeit vertrittst, obwohl alle anderen etwas anderes vorschlagen, holt dich dein Ego aus der Unsicherheit heraus. Und wenn du sagst: „Ich habe mir diesen Urlaub verdient, weil ich hart gearbeitet habe“, ist das keine Arroganz, sondern gesunde Selbstachtung.
Früher habe ich alles viel zu realistisch betrachtet: Ich habe mich gemessen, meine Erfolge mit anderen verglichen und meist nur Fehler und Mängel in meiner Leistung gesehen. Seit ich akzeptiere, dass mein Ego mir hilft, gehe ich viel mutiger voran und sammle viel mehr schöne Erfahrungen, weil ich mir das Gute nicht mehr verweigere.
Zeit, sich mit dem Ego anzufreunden
Als ich zum ersten Mal innerlich sagte: „Ja, darauf kann ich wirklich stolz sein“, hat sich etwas in mir verändert. Mein Ziel war nicht mehr, immer perfekt zu sein, sondern zu schätzen, was ich erreicht habe. Früher habe ich bei einem Lob für meine Arbeit sofort abgewiegelt: „Das ist nichts Besonderes, das habe ich im Schlaf drauf.“ Heute lächle ich und sage: „Danke, ich habe wirklich viel dafür getan.“ Das mag klein wirken, ist aber ein großer Schritt, weil ich mich von meiner eigenen Selbstkritik nicht mehr runterziehen lasse.
Bestimmt kennst du auch Menschen, die immer bescheiden bleiben und nie zugeben, dass sie zum Erfolg beigetragen haben. So können andere sie leicht übergehen und sich die Lorbeeren aneignen. Wenn aber alle sich zurückziehen würden, gäbe es viel weniger inspirierende und ermutigende Geschichten. Wenn du den Mut hast, deine Werte zu teilen, kannst du andere auf einen besseren, nachahmenswerten Weg bringen.

Natürlich ist das Ego ein zweischneidiges Schwert
Wächst es zu sehr, kann es in Arroganz umschlagen; ist es zu klein, erzeugt es ständige Selbstkritik. Früher neigte ich dazu, selbst kleinste Fehler aufzublasen – nach einem kleinen Ausrutscher grübelte ich tagelang darüber, „was wohl der andere gedacht haben mag“.
Bei anderen passiert genau das Gegenteil: Ihr Ego ist so stark, dass sie keine Kritik mehr ertragen und in jeder Situation nur ihre eigene Meinung durchsetzen.
Die Balance zu finden ist nicht einfach, aber umso befreiender. Gesundes Ego bedeutet nicht, sich für besser zu halten, sondern seine Werte zu kennen und den Mut zu haben, sich zu verändern, wenn es nötig ist.
Das Ego ist unser Mut im Alltag
Dank meines Egos fürchte ich mich nicht mehr so sehr vor Fehlern und nehme heute lieber neue Projekte an. Mein Ego lässt mich nicht völlig unsicher werden – deshalb kann ich oft kreativer und energiegeladener sein. Denk mal drüber nach: Wenn du dich für einen neuen Job bewirbst oder deinem Partner sagst, was du dir wünschst, ist das auch der stille Mut deines Egos. Kein Hochmut, sondern Vertrauen in dich selbst und deinen Wert.
Heute denke ich: Das Ego ist nichts, wofür man sich schämen müsste, sondern ein innerer Begleiter. Manchmal ist es zu laut, manchmal kaum hörbar, aber wenn wir lernen, mit ihm zu leben, wird es zu einer riesigen Kraftquelle. Es geht nicht darum, andere herabzusetzen, sondern sich seiner eigenen Werte bewusst zu sein und sie mutig zu leben.
Wenn du das nächste Mal das Gefühl hast, „zu viel“ zu sein, halte kurz inne und überlege: Vielleicht ist genau dieses Extra das, was dich voranbringt? Schau dich mit anderen Augen an! Wenn deine beste Freundin das tun würde, würdest du sie dann als eingebildeten Egoisten sehen?











