Sind die Kinder von heute wirklich schlimmer geworden – oder scheint uns das nur so?
Es ist eine Frage, die sich kaum jemand laut zu stellen traut. Denn wer zugibt, dass ihn Kinder nerven, gilt schnell als herzlos. Doch hinter diesem Gefühl steckt oft mehr, als man denkt. Sechs Frauen erzählen offen, was wirklich in ihnen vorgeht – und was sie über sich selbst herausgefunden haben.
Genervt bis zum Anschlag
Ich war bei einer Freundin auf ihrer Geburtstagsparty, wir haben im Garten gegrillt. (Mit über 35 betrinkt man sich auf solchen Feiern ohnehin nicht mehr, man isst gut und nippt ein wenig am Roséwein.) Ihre kleinen Söhne rannten die ganze Zeit um uns herum, brüllten, warfen mit Sachen und stellten Unsinn an – und trieben mich in den Wahnsinn.
Ich sage es, wie es ist: Irgendwann habe ich nur noch getrunken, um sie überhaupt ertragen zu können. Ich wartete den Kuchen ab und verabschiedete mich dann schnell mit dem Hinweis, ich sei müde. Was nicht mal gelogen war, denn die Kinder hatten mich völlig fertiggemacht. Aber ehrlich: Hätte mir noch einmal eines dieser kleinen Wesen ins Ohr gekreischt, hätte ich es in den Gartenteich geworfen. Da wurde mir klar: Ich bin zu einer mürrischen alten Frau geworden, die Kinder einfach nicht mehr aushält.
Die Erkenntnis
Ich habe Kinder immer gehasst – bis ich in Therapie ging und dort herausfand, warum mich der Begriff „sanfte Erziehung“ so getriggert hat: Ich selbst wurde als Kind geschlagen, gedemütigt und angebrüllt. Ich war neidisch. Ich hasste diese Kinder für die traumafreie Kindheit, die ihnen geschenkt wurde – und mir verwehrt blieb. Meine „Rehabilitation“ verlief so gut, dass ich heute mit neurodivergenten Kindern arbeite.
Der Blick nach innen
Kinder haben mich mein ganzes Leben lang genervt. Dann wurde mir bewusst, dass ich Dinge von ihnen erwartete, mit denen viele Erwachsene – ich selbst eingeschlossen – zu kämpfen haben. Ich meine Dinge wie Impulskontrolle, emotionale Selbstregulation oder Empathie.
Heute sehe ich klar: Wenn ich zwischen lauten Kindern stehe und selbst schmolle und maule – warum ich sie bloß ertragen muss –, dann bin ich kein Stück besser als die quengelnden Kleinen. Im Gegenteil, ich bin schlimmer, denn ich bin erwachsen und sollte es besser wissen.
Ohne Kommentar
Ich komme zu meiner Freundin, und ihre Kinder bringen nicht mal ein Hallo heraus. „Ach, komm, sag doch der Silvi Guten Tag!“ Der kleine Marc blickt gelangweilt vom iPad auf und versinkt gleich wieder im Spiel, ohne mich überhaupt wahrzunehmen. Meiner Freundin fällt das gar nicht auf, denn sie streitet gerade mit ihrer Tochter, die mit der Hand ins halbfertige Mittagessen gelangt und den Fliesenboden vollgekleckert hat.
„Schau dir diese Sauerei an, was du angerichtet hast!“
– jammert meine Freundin, und während sich das Kind mit dem Handy in der Hand aus der Küche schleicht, holt sie brav den Wischmopp und macht sauber. Ich bin gerade zwei Minuten hier und könnte beide Racker schon ohrfeigen. Nach dem Essen darf ich mir dann anhören, dass der Sinn des Lebens die Mutterschaft sei und ich ohne Kind nie erfahren werde, was echte Liebe ist. Ich schlucke den Satz herunter, dass Gott mich vor dieser „Liebe“ bewahren möge – und schwöre mir, dass das mein letzter Besuch hier war.
Du hast recht
Ich habe mich bei meiner Mutter beschwert, und sie hat mich aufgeklärt: Es gibt keine bösen Kinder, nur gelangweilte. Von ihr weiß ich auch, dass ich in Wahrheit nicht die Kinder hasse, sondern ihre Eltern, die sie nicht erziehen.
Interessant
Ich dachte, ich mag Kinder. Dann fiel mir auf, dass ich beim Aussuchen von Hotels für den Urlaub ganz automatisch alle Häuser aussortiere, bei denen „familienfreundlich“ dabeisteht.
Rund um die Uhr
Als ich klein war, ließen wir Kinder unsere Eltern meistens in Ruhe. Wir spielten miteinander – oder beschäftigten uns ganz allein bestens. Heute sehe ich – zumindest ist das mein Eindruck – dass jedes Kind pausenlose Unterhaltung von den Erwachsenen verlangt und nur dann still ist, wenn man ihm irgendein Gerät in die Hand drückt.
Diese Kinder spielen kein Verstecken, kein Fangen, sie nutzen ihre Fantasie nicht mehr für irgendein Bewegungsspiel – sie setzen sich einfach vor einen Bildschirm. Wenn die Nachbarin zwei Minuten mit mir stehen bleibt, um zu reden, fängt ihr Sohn an zu brüllen, und sie muss ihm schnell ihr Handy geben, damit er etwas darauf spielt. Das ist unendlich traurig.
Im Mittelpunkt
Ich würde nicht sagen, dass ich Kinder hasse. Aber als Freundin finde ich, ich dürfte erwarten, dass ich ihre Mutter auch mal ohne Kinder treffen kann – schließlich ist sie seit meiner Kindheit meine beste Freundin. Doch wann immer ich zu ihnen kam, ließen mich die Kinder nicht in Ruhe, und wir konnten nie zwei Sätze in Ruhe wechseln.
Als ich das einmal vorsichtig ansprach, bekam ich zu hören, ich möge ihre Kinder nicht – und seitdem haben wir nicht mehr gesprochen. Ehrlich gesagt: Die Freundschaft hat keine große Lücke hinterlassen, denn ich war ohnehin seit Jahren nur noch die „Kindergärtnerin“, wenn wir uns trafen.
Sind Kinder heute wirklich schlimmer erzogen als früher?
Die Frauen in diesem Artikel haben unterschiedliche Erfahrungen. Einige beobachten, dass Kinder heute ständige Unterhaltung und Bildschirme verlangen, während andere erkennen, dass das eigentliche Problem oft bei den Eltern liegt, die nicht erziehen.
Warum nerven mich Kinder so sehr?
Wie mehrere Bekenntnisse zeigen, steckt dahinter manchmal mehr als bloße Ungeduld. Für eine Frau war es unverarbeitete eigene Kindheit, für eine andere die Erwartung, dass Kinder Fähigkeiten wie Impulskontrolle zeigen, mit denen selbst Erwachsene ringen.
Bedeutet es, dass ich ein schlechter Mensch bin, wenn ich Kinder anstrengend finde?
Nein. Mehrere Frauen im Artikel gestehen ehrlich, dass Kinder sie nerven – und finden gerade dadurch zu mehr Selbsterkenntnis. Eine erkannte sogar, dass ihr Ärger sie den quengelnden Kleinen ähnlicher machte, als ihr lieb war.
Darf ich als Freundin erwarten, jemanden ohne die Kinder zu treffen?
Für eine der Frauen war genau das ein wunder Punkt: Sie wünschte sich Zeit mit ihrer langjährigen Freundin allein. Der Versuch, das anzusprechen, führte allerdings zum Ende der Freundschaft.











