Du bist nach 1997 geboren? Dann wirst du wahrscheinlich nie der klassische Alleinverdiener sein. Millennial- und Gen-Z-Männer sehnen sich nach traditionellen Rollenbildern in der Beziehung – doch die Realität sieht anders aus. Und das tut weh.
Das Paradox unserer Generation
Ich habe kürzlich einem Freund von einer Umfrage erzählt: Demnach wünscht sich unsere Altersgruppe – wir sind beide 29 – am stärksten ein „traditionelles Familienmodell". Wir haben gelacht. Nicht aus Freude, sondern aus einem bitteren Gefühl der Hilflosigkeit. Denn die Realität zeigt klar: Von einem einzigen Gehalt lässt sich eine Familie heute kaum noch ernähren.
Wir beide arbeiten in der IT – ein Job, der einmal als sicher galt. Seit künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt und dadurch zahlreiche Kollegen auf den Arbeitsmarkt gespült werden, sind wir froh, überhaupt noch beschäftigt zu sein. Meine Freundin verdient derzeit mehr als ich – und es sieht nicht so aus, als würde sich das bald ändern.
Schon die Frage ist ein Affront
Meine Freundin würde es sich strikt verbitten, von jemandem „unterhalten" zu werden. Sie ist nicht der Typ, der am heimischen Herd wartet und bewundernd zum Mann aufschaut. Sie möchte Kinder – aber sie plant, von zu Hause aus zu arbeiten und ihr Online-Business weiter auszubauen. Als ich scherzhaft fragte, ob ich arbeiten gehe und sie sich ums Baby kümmert, kam prompt die Antwort: „Wir leben nicht im Jahr 1920."
Wenn die Rollen vertauscht sind
Meine Freundin ist schwanger mit unserem ersten Kind – und es ist längst klar: Ich bleibe zu Hause beim Baby, sie ist die Hauptverdienerin. Sie ist Chemieingenieurin, ich Tischler. Es wäre schlicht unklug, ihre Karriere zu unterbrechen. Also drehen wir das klassische Modell einfach um. Klingt modern – fühlt sich für mich trotzdem manchmal seltsam an.
Wenn die Ansichten überraschen
Ich bin 35 und habe mich kürzlich mit einem 30-Jährigen verabredet. Meine Freundinnen meinten, fünf Jahre seien kein Unterschied, ich solle der jüngeren Generation eine Chance geben. Was er dann sagte, hat mich wirklich überrascht. Er erklärte, er glaube grundsätzlich nicht daran, dass der Mann für den Familienunterhalt zuständig sein sollte – und begründete das so: Wenn seine Frau zuhause bei den Kindern bliebe, fürchte er, sie würde ihn irgendwann intellektuell nicht mehr fordern.
„Ich kann mir nicht vorstellen, ein ernsthaftes Gespräch über ein Startup-Konzept oder Politik mit jemandem zu führen, der den ganzen Tag Babygeschrei hört und Windeln wechselt."
Sein Ideal: Die Frau kehrt so schnell wie möglich in den Job zurück, das Kind kommt zu Oma oder zur Tagesmutter. Ich war sprachlos.
Der Wunsch, der sich nicht erfüllen lässt
Als 32-jähriger Mann wünsche ich mir nichts sehnlicher als eine Familie. Ich wäre der glücklichste Mensch, wenn ich sagen könnte: Ich sorge für meine Familie. Bei uns war das so – Mama war zuhause, Papa hat gearbeitet. Für mich war das das perfekte Modell, und genau das möchte ich auch.
Doch die Realität sieht so aus: Meine Freundin und ich arbeiten beide hart – und am Monatsende bleibt kaum etwas übrig, wenn Miete, Nebenkosten, Lebensmittel und Sprit bezahlt sind. Ich liebe sie und würde sie liebend gerne finanziell absichern. Aber ohne Lottogewinn bleibt das ein Traum.
Der Individualist
Mein jüngerer Bruder ist ein typischer Gen-Z-er. Er hat klargestellt, dass er nicht daran denkt, jemals jemanden zu „unterhalten" – er verwirkliche sich selbst. Wenn er eine Frau findet, die in seine Pläne passt, schön. Wenn nicht, auch gut. Tinder reiche ihm für weibliche Gesellschaft, und emotional genüge ihm ein Situationship völlig – eine ernsthafte Beziehung brauche er nicht.
Die Angst, die bleibt
Ich habe ehrlich gesagt Angst davor, dass meine Verlobte schwanger werden könnte – weil ich schlicht nicht weiß, wovon wir dann leben sollen. Meine Mutter sagt, es sei für sie auch schwer gewesen, und für meine Großeltern ebenfalls. Das glaube ich ihr. Aber unsere Situation fühlt sich hoffnungsloser an.
Meine Großeltern haben ihr Haus auf dem Land in Gemeinschaftsarbeit gebaut. Meinen Eltern wurde eine Wohnung zugeteilt. Wir hingegen haben praktisch keine Chance auf Wohneigentum – es sei denn, wir nehmen einen enormen Kredit auf. Den wir nicht mal bekommen, weil das Eigenkapital fehlt.
Das ist die Realität einer ganzen Generation. Und über die sollten wir endlich offen reden.











