Bien Logo

Offener Brief an die Hebammen, die Schicksale in ihren Händen halten

Barbara Weber3 Min. Lesezeit
Teilen:
Offener Brief an die Hebammen, die Schicksale in ihren Händen halten — Familie

Liebste Hebammen,

Es gibt nur wenige Berufe, deren scheinbar gewöhnliche Arbeitstage aus so vielen lebensverändernden Momenten bestehen. Nur wenige Jobs sind so, dass man nicht nur bei der Geburt des Lebens dabei ist, sondern aktiv mitgestaltet, wie jemand – und damit auch jemand anderes – in eine völlig neue Rolle startet. Eure Arbeit ist genau so. In jeder Schicht steht ihr an der Schwelle zum Leben: Frauen werden zu Müttern, Kinder kommen zur Welt, Familien entstehen. Das ist keine pathetische Übertreibung, sondern eure tägliche Realität.

Als Hebamme seid ihr da, wenn Körper und Seele gleichzeitig an ihre Grenzen gehen. Wenn eine Frau verletzlich und ausgeliefert ist – und gleichzeitig unglaublich stark. Wenn Angst, Schmerz, Instinkt und Hoffnung sich vermischen. In solchen Momenten gewinnt jedes Wort, jede Berührung, jedes halbe Lächeln an Gewicht. Dann seid ihr nicht nur Fachkräfte, sondern auch Anker, die uns zwischen zwei Welten halten, damit wir nicht in die Dunkelheit fallen.

Meine eigene Geburtserfahrung wurde maßgeblich von meiner Hebamme geprägt. Sie war cool, entspannt, dabei aber unendlich liebevoll und aufmerksam. Sie arbeitete nicht nach Lehrbuch, sondern spürte instinktiv, was ich genau in diesem Moment brauchte. Sie wollte mir nichts vorschreiben, nicht lenken, nichts aufzwingen. Sie war einfach da – in ihrer ganzen Präsenz.

Eine Hebamme unterstützt bei Wehen im Krankenhaus

Als mich die Angst überkam, hat sie mich nicht getröstet oder beschwichtigt. Sie sagte nicht „Alles wird gut“, weil sie wusste, dass das in diesem Moment leer klingen würde. Stattdessen stand sie einfach neben mir, nahm meine Hand und fragte nur: „Wovor hast du Angst? Du machst das großartig!“ Dieser Satz hat mich nicht nur beruhigt, sondern mir auch meine Kraft zurückgegeben. Er half mir zu glauben, dass ich das schaffen kann. Dass das, was mir damals als unvorstellbare Herausforderung erschien, Millionen Frauen jeden Tag seit Anbeginn der Zeit meistern. Ich würde es auch schaffen.

Später, als meine Kraft während der Austreibungsphase schwand, spürte sie es. Sie gab keine Anweisungen, kritisierte nicht meinen Rhythmus und setzte mich nicht unter Druck. Sie lächelte nur und sagte:

Ich sehe schon ihr Haar! Gleich können Sie es auch sehen!

Diese wenigen Worte machten mir plötzlich wieder klar, warum ich das alles mache. Was all der Schmerz und die Erschöpfung wert sein würden – und welche Belohnung ich bald in den Armen halten würde.

Mutter hält ihr neugeborenes Baby im Arm

Ihre Präsenz, ihr Respekt, ihre sanfte Entschlossenheit, die Ermutigung und der Raum, den sie mir gab, haben entscheidend dazu beigetragen, dass ich heute, wenn ich an meine Geburt zurückdenke, nicht an Angst und Schmerz denke. Sondern daran, dass ich mich wie eine Göttin gefühlt habe.

Ich weiß, dass unser Gesundheitssystem viele Schwächen hat. Ich weiß, dass die Bedingungen oft unmenschlich sind, die Erwartungen unrealistisch und die Belastung konstant. Als gebärende Frau verbringen wir nur wenige Tage in diesem System. Ihr aber kämpft jeden Tag damit. Deshalb möchte ich euch an etwas erinnern: an die Macht, die in euren Händen liegt.

Ihr entscheidet, ob eine Frau den Kreißsaal mit einem der schönsten oder einem der traumatisierendsten Erlebnisse verlässt.

Ihr habt eine entscheidende Rolle dabei, wie die Beziehung zwischen Mutter und Kind beginnt. Das ist eine enorme Macht. Ihr könnt jeden Tag Welten verändern.

Bitte erinnert euch daran – auch an den schwersten Tagen. Die Mütter, die ihr so begleitet, werden euch ihr Leben lang dankbar sein. Danke, dass ihr für uns da seid!

Passende Artikel

Millionengeschäft auf Kosten der Mütter – wie die „Mom Guilt"-Industrie von schlechtem Gewissen profitiert — Familie

Millionengeschäft auf Kosten der Mütter – wie die „Mom Guilt"-Industrie von schlechtem Gewissen profitiert

Die „Mom Guilt"-Industrie verdient Millionen mit dem schlechten Gewissen von Müttern. Warum das System auf Angst aufgebaut ist – und was Kinder wirklich brauchen.

Barbara Weber
Körperbewusstsein ist kein Trend – wie ich nach Jahren endlich verstanden habe, wie ich wirklich funktioniere — Gesundheit

Körperbewusstsein ist kein Trend – wie ich nach Jahren endlich verstanden habe, wie ich wirklich funktioniere

Als Frau leben wir nicht in einem einzigen, gleichbleibenden Zustand – unsere Hormone dirigieren uns wie unsichtbare Dirigenten. Diese Erkenntnis hat alles verändert.

Elisabeth Müller
„Ich würde niemals zulassen, dass ihr das passiert“ – Wie das Mutterwerden unsere Kindheitswunden aufreißen kann — Familie

„Ich würde niemals zulassen, dass ihr das passiert“ – Wie das Mutterwerden unsere Kindheitswunden aufreißen kann

Beim Mutterwerden können Kindheitstraumata an die Oberfläche kommen, die wir lange verdrängt haben. Das kann schmerzhaft sein, aber auch befreiend, denn es eröffnet die Chance, Dinge anders zu machen.

Barbara Weber
Meine Mutter hat seit der Wahl Angst – so versuche ich, ihr zu helfen — Familie

Meine Mutter hat seit der Wahl Angst – so versuche ich, ihr zu helfen

Algorithmen, Fake News und manipulierte Videos: Wie helfen wir älteren Menschen, in dieser digitalen Welt nicht die Orientierung zu verlieren?

Barbara Weber
Und wie geht es dem Kind? 5 Wege, wie das Umfeld Mütter übersieht — Familie

Und wie geht es dem Kind? 5 Wege, wie das Umfeld Mütter übersieht

Die größte Herausforderung im Alltag von Müttern ist, dass die Gesellschaft sie als Sündenbock sieht – egal, wie sich das Kind verhält.

Isabella Schmidt
Wenn Liebe zur Mittäterschaft wird: Wie lange schaut man dem langsamen Untergang eines Familienmitglieds zu? — Familie

Wenn Liebe zur Mittäterschaft wird: Wie lange schaut man dem langsamen Untergang eines Familienmitglieds zu?

Alkoholismus zerstört nicht nur den Betroffenen – er frisst die ganze Familie auf. Aber wann hört Fürsorge auf, zu helfen, und fängt an zu schaden?

Elisabeth Müller