Die Wohnungssuche ist schon an sich stressig genug. Die meisten sind darauf eingestellt, Kompromisse zu machen – beim Preis, bei der Größe, bei der Lage. Man rechnet mit einer kleinen Küche oder einem längeren Weg zur Bushaltestelle.
Es gibt aber Situationen, in denen genau das nicht das größte Problem ist. Drei Leserinnen und Leser haben uns erzählt, wie es sich anfühlt, wenn die Realität so gar nichts mehr mit dem zu tun hat, was die Anzeige versprochen hat.
„Aus dem Fenster sah ich perfekt, wie der Nachbar masturbiert“
Die 31-jährige Nóri ging mit großen Erwartungen zur Besichtigung. Laut Anzeige war einer der größten Pluspunkte das „helle Wohnzimmer mit riesigen Panoramafenstern“. Und das stimmte tatsächlich. Nur eine Kleinigkeit hatte man vergessen zu erwähnen: Das Panorama funktionierte in beide Richtungen.
„An meinem ersten Morgen zog ich die Jalousie hoch, kochte mir einen Kaffee und schaute ganz automatisch aus dem Fenster. Das gegenüberliegende Haus war vielleicht zehn Meter entfernt. In einer der Wohnungen stand ein Mann völlig nackt vor dem Fenster und masturbierte gerade.“
„Zuerst dachte ich, das sei Zufall. Ich drehte mich weg, ließ die Jalousie runter und versuchte, das Ganze zu vergessen. Am nächsten Tag war er wieder da. Und am übernächsten auch. Da fing ich an, genauer hinzusehen, und merkte: Er erledigt sein Morgenprogramm regelmäßig vor dem Fenster – völlig entspannt.“
Das Schlimmste daran war laut Nóri, dass auch er problemlos zu ihr hineinsehen konnte.
„Wenn ich die Jalousie hochzog, sah er genau in mein Wohnzimmer. Von da an lebte ich wie in einem Aquarium: Entweder saß ich den ganzen Tag im Halbdunkel, oder ich lauerte ständig darauf, ob ich gerade rausschauen darf. Nach drei Monaten bin ich ausgezogen. Seitdem schaue ich, sobald ich in einer Anzeige »bodentiefe Fenster« lese, immer zuerst nach, was sich auf der anderen Seite befindet.“
„Die Bilder zeigten nur, wie die Stimmung sein könnte“
Für den 28-jährigen Gergő war es nicht die erste Wohnung, deshalb wurde er von Anfang an misstrauisch: Das Apartment war im Verhältnis zu den Fotos verdächtig günstig. Frisch gestrichene Wände, skandinavischer Stil, helles Parkett, jede Menge Pflanzen. Trotzdem ließ er seinen Optimismus gewinnen und vereinbarte einen Besichtigungstermin.
„Ich kam zur Besichtigung, aber als sich die Tür öffnete, dachte ich, ich sei an der falschen Adresse. Das Parkett war an mehreren Stellen aufgewölbt und verrottet, die Tapete löste sich in großen Fetzen von der Wand, die Küchenschranktür hing halb herunter, und im Bad zogen sich Schimmelflecken über die ganze Decke.“
Gergő fragte den Makler, ob sie wirklich am richtigen Ort seien, denn die Fotos aus der Anzeige hatten nichts mit dem zu tun, was er hier vorfand.
„Mit größter Selbstverständlichkeit erklärte er mir, die Bilder sollten nur zeigen, welche Stimmung die Wohnung haben könnte, wenn jemand einzöge und sie »ein bisschen aufhübschen« würde. Einen Moment lang dachte ich, er scherzt, aber er meinte es völlig ernst. Ich kam mir vor wie in einer amerikanischen Filmszene, in der Ermittler einen Mörder bis in eine heruntergekommene Drogenhöhle verfolgen – und der Makler sah mich an, als sei ich der Idiot, weil ich nicht erkannte, dass ein neuer Vorhang und eine Topfpflanze diese Wohnung retten könnten.“
Gergő sagt, seitdem sei er noch vorsichtiger geworden:
„Wenn eine Wohnung auf den Fotos zu perfekt aussieht, denke ich automatisch, dass der Fotograf wahrscheinlich mehr Arbeit hineingesteckt hat als der Handwerker.“
Wenn du gerade selbst auf Wohnungssuche bist, lohnt es sich, unsere Erfahrungen zu den größten Herausforderungen bei der Wohnungssuche zu lesen.
„Die ruhige Gegend hieß: Nur die Straßenbahn donnerte vorbei“
Die 34-jährige Ági arbeitet von zu Hause aus, deshalb ist ihr eine ruhige Umgebung besonders wichtig. Genau darum blieb ihr Blick an einer Anzeige hängen, deren erste Zeile lautete: „Außergewöhnlich ruhige Wohnung, entspannte Gegend.“
„Als ich die Wohnung besichtigte, war ich nur ein paar Minuten dort, aber alles wirkte in Ordnung. Der Makler erwähnte, dass die Straßenbahn, die vor dem Haus fährt, manchmal zu hören sei – aber ich dachte, damit könnte ich leben.“
Am ersten Abend stellte Ági allerdings verblüfft fest, dass die Straßenbahn zwar tatsächlich nicht störend laut war, dafür aber die ganze Wohnung erzitterte, sobald sie über die Schienen raste.
„Beim ersten Mal dachte ich, es gäbe ein kleines Erdbeben. Zehn Minuten später passierte es wieder. Und wieder. Später wusste ich instinktiv, wann der nächste Zug kommt, weil der Boden ein paar Sekunden vorher zu vibrieren begann. Am Ende bin ich ein halbes Jahr geblieben. Nach dem Umzug war es tagelang ein seltsames Gefühl, dass sich das Sofa unter mir nicht mehr bewegt. Da wurde mir erst klar, wie viel es ausmacht, wenn eine Wohnung wirklich so ist, wie die Anzeige behauptet – und nicht nur auf dem Papier.“
Wie erkenne ich, ob eine Wohnungsanzeige irreführend ist?
Ein häufiges Warnsignal ist ein Preis, der im Verhältnis zu den scheinbar perfekten Fotos verdächtig niedrig ist. Wie Gergős Geschichte zeigt, steckt manchmal mehr Arbeit im Foto als in der Wohnung selbst.
Was sollte ich bei einer Besichtigung besonders beachten?
Achte nicht nur auf die Wohnung selbst, sondern auch auf die Umgebung: Was liegt gegenüber den Fenstern und welche Geräusche oder Erschütterungen gibt es? Details wie eine vorbeifahrende Straßenbahn zeigen sich oft erst, wenn man dort tatsächlich lebt.
Bedeutet „ruhige Gegend“ in einer Anzeige immer, dass es dort wirklich still ist?
Nicht unbedingt. Wie Ágis Erfahrung zeigt, kann eine Wohnung tatsächlich leise sein, während sie gleichzeitig bei jeder vorbeifahrenden Straßenbahn spürbar vibriert. Solche Nuancen bemerkt man häufig erst nach dem Einzug.
Was tun, wenn Panoramafenster fehlende Privatsphäre bedeuten?
Prüfe vor der Zusage, was sich direkt gegenüber den Fenstern befindet und wie nah das Nachbargebäude steht. Große Fenster sind nur dann ein Vorteil, wenn man nicht rund um die Uhr im Halbdunkel sitzen muss, um sich nicht beobachtet zu fühlen.











