Manchmal verlässt man ein Theater und weiß: Das war mehr als ein schöner Abend. Die Jungen der Paulstraße im Weöres Sándor Theater war genau so ein Moment – eine Aufführung, die sich festgesetzt hat und die ich auch Wochen später noch nicht losgelassen habe.
Eine Geschichte, die Generationen verbindet
Ferenc Molnárs international gefeierter Jugendroman gehört zu den meistgelesenen und beliebtesten Werken der ungarischen Literatur. Kein Wunder, dass er unzählige Bühnen- und Filmadaptionen inspiriert hat.
Die Musicalfassung stammt von László Dés, Péter Geszti und Krisztián Grecsó – ein Trio, das die emotionale Tiefe und die zeitlose Botschaft des Originals in eine neue Form gegossen hat, ohne ihr dabei untreu zu werden.
Die Idee zur Produktion entstand nach der Sendung Das große Buch im Jahr 2005. Uraufgeführt wurde das Stück 2016 im Vígszínház in Budapest, und seitdem wird es mit ungebrochenem Erfolg im ganzen Land gespielt.
An dem Abend, den ich erlebte, erwachte Nemecseks Geschichte auf der Großen Bühne des Weöres Sándor Theaters in Szombathely zum Leben – und dieser Abend wurde für mich zu etwas ganz Besonderem.
Der Grund als unendliches Universum
Molnár beschreibt ihn so:
„Dieses kleine Stück unfruchtbarer, hügeliger Budapester Erde…" – und meint damit die Grenzenlosigkeit der kindlichen Vorstellungskraft.
Der Grund – dieses unscheinbare Stück Brachland – wird zum Mittelpunkt eines Universums, in dem Freundschaft, Treue und Mut mehr zählen als alles andere.
Auf der Bühne bekam das alles echtes Gewicht. Es war kein bloßes Erzählen – es war ein Erleben.
Ein Geburtstagsgeschenk, das mehr schenkte als einen Abend
Für mich hatte dieser Abend noch eine ganz persönliche Dimension. Als Szombathelyerin war ich in den letzten Jahren leider seltener im hiesigen Theater – doch dieses Jahr haben wir diese Welt für uns neu entdeckt.
Besonders bewegend war, dass unsere Eintrittskarten ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter wurden. Und dass wir ausgerechnet die allerletzte Vorstellung von Die Jungen der Paulstraße erwischten – wovon wir erst am selben Morgen erfahren hatten. Das gab dem Abend noch vor dem ersten Vorhang etwas Kostbares.
Vertraute Gesichter, auf ein neues Niveau gehoben
Das Erlebnis wurde noch intensiver dadurch, dass ich mehrere Darsteller bereits kannte. Es war schön zu sehen, wie aus früheren Begegnungen gereifte, selbstsichere Bühnenleistungen geworden sind.
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir Nándor Jámbor als Boka, István Gyulai-Zékány als Áts Feri, László Márk Sipos als Kolnay sowie Péter István Hajdu als Nemecsek. Die Aufführung hatte keine schwachen Momente – aber diese vier gaben dem Stück sein Herz und seinen Rhythmus.
Tief bewegt hat mich die Szene, in der Nemecsek krank und erschöpft zurückkommt, um den Grund zu verteidigen. Dieser Moment war nicht nur dramaturgisch ein Höhepunkt – er war emotional von außerordentlicher Intensität: kindliche Entschlossenheit und tragische Verletzlichkeit zugleich, auf engstem Raum.
Die Stärke dieser Inszenierung lag genau darin: Nemecseks Schicksal wurde nicht als distanzierte Tragödie gezeigt, sondern unmittelbar nah ans Publikum herangetragen.
Die Kraft der Musik und der Bühne
Auch die musikalische Welt des Stücks hat mich nachhaltig beeindruckt. Die Songs begleiteten die Geschichte nicht nur – sie trugen sie. In mehreren Szenen war es die Musik, die die Spannung oder die Rührung erst auf ihre volle Höhe brachte.
Besonders unvergesslich war das Lied „Wir sind der Grund", das am Ende des Stücks mit fast kathartischer Wucht erklang. In diesem Moment verdichtete sich mehr als eine bekannte Melodie: Freundschaft, Zusammengehörigkeit und kindliche Treue wurden auf einmal greifbar – und erhebend.
Ein Abend, an dem alles stimmte
In jedem Detail dieser Theaterproduktion war die Leidenschaft spürbar: Schauspieler aus verschiedenen Ecken des Landes, eine sorgfältig erarbeitete Choreografie, ein stimmiges Bühnenbild und eine Musik, die diente – all das zusammen ließ die Geschichte nicht nur erklingen, sondern wirklich wirken.
Und sie wirkte: Der stehende Applaus am Ende war keine Höflichkeit. Er war ein gemeinsam erlebter, echter Moment der Rührung.
Mein schönster Theaterabend bisher
Dieser Abend war für mich das unvergesslichste Theatererlebnis, das ich je hatte – und ich war schon in einigen der renommiertesten Häuser der Hauptstadt. Und doch ist es selten, dass eine Aufführung so klar, so direkt den Weg zum Herzen findet.
Die Jungen der Paulstraße ist mehr als eine Neuinterpretation eines Klassikers. Es ist eine Erinnerung daran, dass der „Grund" – dieser Ort, der uns gehört und den wir verteidigen würden – in jedem von uns lebt. Wir müssen ihn nur wieder zu finden wagen.











